Augenzeugen erinnern sich - Artikel aus dem Archiv vom 17.10.2003

Es regnete Feuer, es zischte und krachte

Ingeborg Schäfer war damals fünf Jahre alt. Sie erinnert sich: Die Decken wurden in Eimer mit Wasser getaucht. Sie waren zentnerschwer, aber ich bekam eine über mich gehängt. Meine Mutter hielt mich ganz fest, zog mir die Decke über den Kopf, und wir gingen nach oben.

Es wurde immer wärmer, es wurde ganz heiß. Überall war es rot, ein ganz heißer Wind. Meine Mutter hielt mir die Decke über dem Kopf fest, aber ich konnte doch kurz etwas ganz Ungeheuerliches sehen: einen leuchtend roten Himmel mit vielen sprühenden, glühenden Funken. Es regnete Feuer, es zischte und krachte neben uns, die Füße wurden ganz heiß.

Anneliese Käuffelin (86): Die Moltkestraße, wo unsere Wohnung lag, gibt es heute nicht mehr. Bei dem großen Angriff am 22. Oktober 1943 ist sie ausradiert worden. Kaum jemand in der Straße hat überlebt. Auch unsere Großeltern und andere Angehörige waren unter den Toten. Mein Sohn und ich wohnten damals nicht mehr in Kassel. Als wir aber nach der Zerstörung einmal vor dem Trümmerfeld standen, sagte mein damals zweijähriger Sohn mit großen, ängstlichen Augen: Oh, Mama, alles, alles kaputt - aber warum? - Ja, warum? So werden auch heute noch Kinder in Kriegsgebieten fragen. Und die Mütter wissen keine Antwort.

Otto Pfützenreuter war damals 14 Jahre alt: Meine ältere Schwester hatte Erbsensuppe gekocht - meine Mutter lag im Krankenhaus am Möncheberg -, und die Teller waren schon gefüllt. Also Alarm, nichts wie ab in den Keller, die Papiere hatten wir immer griffbereit in einem Koffer. Wir wohnten in der Henschelstraße 23, 3. Stock (Nähe Holländischer Platz). Vor der Ausgangstür des Luftschutzkellers im Gildehaus war jemand postiert. Als der wahnsinnige Angriff begann und die Wände nur so wackelten und wir nach jedem Einschlag froh waren, dass wir nicht unter den Trümmern begraben wurden, ließ er niemanden mehr raus auf die Straße. Wir mussten also abwarten und weiterzittern.

Edith Oechsner (81): An diesem Abend war mein Verlobter mit mir im Ufa, es gab Münchhausen. Während der Vorstellung Alarm. Auf dem verdunkelten Nachhauseweg stürmten uns bereits Menschenmassen entgegen, die alle in die Bunker rannten. (...) Mein Verlobter hat sich mit den anderen Soldaten am Morgen die Innenstadt angesehen. Er kam kreideweiß zurück. Er musste sehen, wie massenweise Tote und Gliedmaßen auf Lastwagen geladen und in die Reihengräber abtransportiert wurden.

Rolf Lang war damals vier Jahre alt: Während des Angriffs fanden meine Mutter, meine Großmutter und ich im Kellergang der Bürgerschule 8 Schutz vor dem Bombenhagel. Meinen Großvater haben wir die ganze Nacht gesucht. Wie durch ein Wunder war er am anderen Morgen wieder da. Von unserem Wohnhaus am Unterneustädter Kirchplatz war bis auf ein paar Mauerreste nichts mehr übrig. Nach dem Krieg ging ich dann in die Bürgerschule 8. Wenn die Schulspeisung im Keller verteilt wurde, musste ich jedes Mal an den Bombenangriff denken.

Ursula Westermann erlebte die Zerstörung als Siebenjährige: Wir wurden schon am 3. Oktober in Wolfsanger ausgebombt und nach Treysa evakuiert. Am 23. Oktober kamen wir mit einem Kohlenwagen zurück. Am Hauptbahnhof gab es kaum ein Durchkommen. Wir wollten aber unbedingt nach Wolfsanger, weil wir meinen Vater gesucht haben. Auf dem Weg durch die Große Rosenstraße roch es ganz furchtbar. Meine Mutter wollte mir aber nicht sagen, was das ist. Erst später habe ich erfahren, dass die kleinen, schwarzen Bündel die Überreste von Leichen waren.

Ingrid Schumann war damals 15 und flüchtete bei dem Angriff in einen Luftschutzkeller an der Jägerstraße: Eine große Anzahl Menschen befand sich schon im Keller, und es dauerte nicht lange, bis wir die ersten Bomben hörten und die Erschütterungen von Einschlägen wahrnahmen. Die Luft wurde knapp, stickig und rauchig. Einige Soldaten drehten die Kurbel an einem Gerät, das uns Sauerstoff zuführen sollte. Stattdessen wurde die Luft immer rauchiger und schlechter. Meine Freundin und ich steckten unsere Jacken und Schartücher der Uniform in ein Wasserfass, zogen die Jacken nass wieder an und das Tuch über den Kopf und begaben uns die Kellertreppe hoch. Als wir die Kellertür öffneten, waren wir entsetzt von dem Feuer rundherum.

Helga Ohlmeier war damals 15 Jahre alt: Am übernächsten Tag gehe ich mit Mutti durch die Stadt. Da erst kommt uns das unvorstellbare Geschehen der Bombennacht voll zu Bewusstsein. Von allen Seiten schaut uns das Grauen an. Es brennt und qualmt überall. Mauerreste ragen in den Himmel und drohen jeden Augenblick einzustürzen. Der schlimmste Anblick aber sind die Menschen, die tot auf Straßen, Plätzen und in ehemaligen Schaufenstern liegen - verbrannt, verkohlt, erstickt oder aufgedunsen. Königsplatz, Friedrichsplatz, Lutherplatz, Holländischer Platz und viele andere haben in der Bombennacht tausenden von Menschen das Leben gerettet, die vor den Feuerwalzen dorthin fliehen konnten. Nun sind diese Plätze bedeckt mit den Leichen von Männern, Frauen und Kindern. Traurige Gestalten gehen suchend umher.

Zusammengestellt von Thomas Siemon

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