Am 22. Oktober 1943 versank die Altstadt – 10 000 Menschen kamen ums Leben

Der Tod im Feuersturm

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Zeitreise: Die zerstörte Randbebauung des Königsplatzes 1943. Im Hintergrund die Ruine der Hauptpost.

Kassel. Freitag, 22. Oktober 1943. Ein sonniger und klarer Herbsttag. Eigentlich ideal für einen Spaziergang im Habichtswald oder durch die Aue. Doch daran denken die Menschen vor 66 Jahren kaum noch. Der Krieg bestimmt das Leben – und an diesem Tag schlägt er in all seiner Brutalität zu.

Auf genau dieses klare Wetter hatte das britische Bomberkommando nach dem missglückten Großangriff vom 3. Oktober gewartet. 400 Bomber befinden sich bereits im Anflug auf Kassel, als der Abspann im Ufa-Kino an der Königsstraße läuft. "Münchhausen" heißt der Film. Es wird für lange Zeit die letzte Vorführung sein.

Um 20.17 Uhr ertönt der Fliegeralarm. Wenig später beginnt der schrecklichste Angriff, den Kassel je erlebt hat. Diesmal treffen die Zielmarkierungen genau, die gefürchteten Christbäume gehen über der Martinskirche nieder. Luftminen und Sprengbomben schlagen Lücken in die Altstadt, decken Dächer ab, reißen Türen und Fenster heraus. Danach entfachen 400 000 Brandbomben einen verheerenden Feuersturm.

Nach nur einer Stunde haben die Bomberpiloten ihren Auftrag erledigt. Gegen 21.30 Uhr drehen sie ab. Sie hinterlassen ein Inferno aus brennenden und einstürzenden Fachwerkhäusern. In den Kellern und auf den Straßen kämpfen die Menschen ums nackte Überleben. Für 10 000 von ihnen – darunter 2000 Kinder – ist es ein vergeblicher Kampf.

Die Luft in den Kellern, wo sie Schutz suchen, ist durch das Feuer immer schlechter geworden. Wer wegen des Sauerstoffmangels und durch das eindringende Kohlenoxidgas müde wird und einschläft, wacht nicht mehr auf. Bei 70 Prozent der Opfer wird später als Todesursache Erstickung festgestellt. Andere werden von herumfliegenden Trümmern erschlagen oder sterben in den Flammen.

In dieser Nacht geht die Residenzstadt mit ihrer 1000-jährigen Geschichte unter. Das Inferno ist noch viele Kilometer entfernt zu sehen, der Nachthimmel leuchtet glühend rot. Damals weiß niemand, dass der mörderische Krieg noch 18 Monate dauern wird.

Von Thomas Siemon

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