Mehrere hundert britische Flugzeuge warfen in der Nacht zum 23. Oktober Bomben im Gesamtgewicht von 1500 Tonnen über Kassel ab

Kassel versank in Schutt und Asche

Kassel. "...dann hat meine Tochter geschrien: "Mutti, ich ersticke', die lag unter lauten Toten da im Keller. Und ich hatte meine Jüngste auf dem Arm, und das Kind hat noch bis 6 Uhr morgens gelebt..."

Diese später zu Protokoll gegebenen Erlebnisse der damals 29jährigen Gretel S. aus der Kasseler Kastelansgasse 34 spiegeln die Schrecken und das Grauen wieder, von denen Zehntausende von Kasseler Familien in der Bombennacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 heimgesucht wurden.

Nach dem Ende der stundenlangen Angriffe mehrerer hundert britischer Bomber auf die Stadt an der Fulda waren rund 10000 Menschen tot. Sie waren unter Trümmern begraben, erstickt oder bei der Flucht aus den verqualmten Luftschutzkellern in dem auf den Straßen tobenden Feuersturm verbrannt. In jener Nacht versank Kassel in Schutt und Asche. Von der historischen Altstadt, die den Lancaster- und Halifax-Bombern als Zielpunkt für ihren Flächenangriff mit Sprengbomben, Stabbrandbomben und Luftminen bis zur Größe von Litfaßsäulen diente, blieb so gut wie nichts mehr übrig.

Die mehr als tausendjährige Stadt war auf der Prioritätenliste der alliierten Luftkriegsziele ganz oben eingestuft, weil sie als bedeutender Eisenbahnknotenpunkt galt und so wichtige Rüstungsbetriebe wie Henschel (Panzerbau) und Fieseler (Flugzeuge) beherbergte.

Seit 1942 richteten Briten und Amerikaner ihren Bombenkrieg aber auch gezielt gegen die deutsche Zivilbevölkerung, um ihren Widerstandswillen zu brechen - eine Rechnung, die allerdings nicht aufging. Die rund um Kasssel angelegten Flak-Gürtel hatten die anfliegenden Maschinen nicht stoppen können. Die Funkmeßgeräte neben den Geschützen waren durch den Abwurf von Unmengen von Stanniolstreifen bei der Zielerfassung stark behindert, ebenso die Scheinwerfer durch britische Leuchtbomben und den kilometerhoch aufsteigenden Rauch.

Dennoch gelang den Flak-Bedienungen, darunter auch viele Oberschüler, und den deutschen Nachtjägern der Abschuß von 48 Bombern. Einer der bei einer Schweren Flak-Batterie in Obervellmar eingesetzten jungen Luftwaffenhelfer, Gebhard Niemeyer, schrieb in sein Tagebuch: "Während des Angriffs sahen wir drei Maschinen abstürzen, lichterloh brennend. Das war ein stolzer Anblick. Die eine Maschine stürzte etwa in südlicher Richtung von uns ab. Wir vermuteten etwa am Bahnhof Harleshausen." Und weiter: "Da flog im Osten von uns etwa gegen 23 Uhr die Munitionsanstalt Ihringshausen in die Luft, eine fürchterliche Stichflamme, eine gewaltige Explosion."

Als am 23. Oktober der Morgen graute, bestand das innere Stadtgebiet nur noch aus einem qualmenden Ruinenfeld. In der Oberen Karlsstraße, auf dem Marställer Platz und an vielen anderen Stellen lagen aufgereiht die Opfer, verstümmelt oder bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Binnen drei Tagen mußten fast 10000 Tote zum Teil in Massengräbern beigesetzt werden. Noch sieben Tage nach dem Angriff schlugen aus den Ruinen Flammen, wie die britische Luftaufklärung feststellte.

Gebhard Niemeyers Tagebuch-Eintrag "Kassel ist nicht mehr" gab das Empfinden der Überlebenden wieder. Wohl kaum jemand konnte sich damals vorstellen, daß die Stadt angesichts der unvorstellbaren Verwüstung jemals wieder aufgebaut werden könnte.

Die Kurhessische Landeszeitung (mit dem Zusatz: Zweite gemeinsame Notausgabe mit den Kasseler Neuesten Nachrichten) titelte am 26. Oktober 1943: "Kasseler Bevölkerung verhielt sich vorbildlich". Und im Text hieß es schwülstig, Kassels Bürger hätten sich "bei dem schweren Terrorangriff" dem Geist der Front ebenbürtig erwiesen.

Tags zuvor hatte Gauleiter Weinrich "die tapfere Bewährung von Frauen, Männern, Jungen und Mädeln, die den Flammen Einhalt zu gebieten versuchten", als beispiellos gelobt. In den folgenden Tagen und Wochen aber füllten die Todesanzeigen viele Seiten der Kurhessischen Landeszeitung.

Von Jürgen Nolte

(Artikel aus dem Archiv vom 28.05.1999)

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