Wahrscheinlich wären wir nicht wieder aufgewacht

Willy Vasserot (78): Mit 18 Jahren bin ich als Melder einem Selbstschutztrupp in der Obersten Gasse zugeteilt. (...) Ich bekomme den Befehl, im Renthof Meldung zu machen. Viele Häuser brennen schon. Weil ich kaum noch atmen kann, habe ich den Filter der Gasmaske etwas gelockert, sofort tränen mit die Augen. (...)

Zum Königsplatz war kein Durchkommen mehr. Die Flammen trafen auf der Mitte der Straße zusammen. Eine junge Frau schrie fürchterlich. Sie hatte in der Aufregung ihr Baby verloren. Am Druselplatz brach ich zusammen. Ich wurde plötzlich wach, als jemand sagte: Den müssen wir an die Seite legen, der lebt noch. Man war dabei, die Toten abzutransportieren.

Gerd Nöding (68): Als wir aus der Haustür (am Westring) kamen, erwartete uns ein Inferno: Brennende Häuser, herabstürzende Mauern und glühendes Gebälk. Auf der Straße lagen noch Brandbomben. Wir liefen in Richtung Schlachthofstraße, den Kinderwagen mit nassen Decken bedeckt, ich an der Hand meiner Mutter. Um ein Haar wären wir von einem herabstürzenden, brennenden Balken getroffen worden. P.S.: Es ist wichtig, die Erinnerung für die Generation unserer Enkel wachzuhalten, um sie vor so schlimmen Zeiten zu bewahren.

Alfred Peppermüller (69): Als Neunjähriger erlebte ich die Bombennacht im Luftschutzkeller des Bahnhofs Bettenhausen. Meine Eltern hatten damals die Bahnhofsgaststätte gepachtet. Während des Angriffs kamen plötzlich durch den Notausstiegsschacht Funken herein. Wir sind raus auf den Bahnhofsvorplatz. Ich erinnere mich besonders an das eigenartige Rauschen, das heulende Geräusch einer Bombe, die hinter dem Salzmannhof niederging. Das schaurigste Bild, das mir immer wieder vor Augen kommt, war der Anblick jener enormen Rauchwolke, die wie von Geisterhand innen glutrot beleuchtet war.

Hans Dickmann (72): In dem Kellergewölbe des Gasthauses Bärenkammer war dann Endstation. Der große Keller war voller Menschen, denn von allen Seiten kamen die Leute aus den Durchbrüchen. Wir suchten uns einen Platz zum Ausruhen. Wenn einer von uns drohte einzuschlafen, wurde er sofort von unserer Mutter geweckt. Wahrscheinlich wären wir nicht wieder aufgewacht. An den Wänden lagen haufenweise aufgestapelt die Menschen, als wenn sie schliefen - sie waren tot. Wahrscheinlich reichte auch deshalb der Sauerstoff für die anderen.

Waltraud Pape (68), die ihre Kindheit und Jugendjahre in Bad Karlshafen verbracht hat: Gegen 20 Uhr gab es auch in Karlshafen Fliegeralarm. Von meinem Elternhaus sahen wir am südlichen Nachthimmel die hellen Scheinwerfer der Flak wie lange Leuchtstäbe. Zunehmend war Flugzeugbrummen zu hören, zuweilen schrill und lauter werdend. Der Nachthimmel wurde im südlichen Bereich immer heller und in rötliche Farben getaucht.

Jürgen Rübesam (74): Am nächsten Morgen sahen wir dann die armen Menschen, die aus der Stadt die Wilhelmshöher Allee entlangkamen. Viele trugen Verbände und hatten entzündete Augen, ihre Gesichter waren vom Schrecken gezeichnet. Wir hörten das erste Mal von der furchtbaren Nacht in der Stadt, wollten das aber alles nicht so recht wahrhaben. Mein Bruder ging also los. Als er gegen Mittag zurückkam, war er ganz verstört. Er erzählte uns, die ganze Stadt liege in Trümmern.

Zusammengestellt von Thomas Siemon

(Artikel vom 20.10.2003)

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