Der international anerkannte Luftkriegshistoriker hat sich auch um seine Heimatstadt Kassel verdient gemacht

Werner Dettmar: Ängste durch Forschen kompensiert

+
Luftkriegsforscher Werner Dettmar (Foto: Koch)

Kassel. 1943, Bombenhagel auf Kassel, die Altstadt völlig zerstört, über 10000 Menschen kommen im Flammenmeer um. Werner Dettmar ist gerade mal 16 Jahre alt, als er als Flakhelfer die Zerstörung erlebt - und überlebt.

"Man kann das gar keinem Menschen klarmachen, der nicht dabei war - ein unfaßbares Ereignis", sagt er.

Die Bombennacht hat Werner Dettmar einen Weg gewiesen. Er setzt sich seit Jahrzehnten mit dem Luftkrieg während des Zweiten Weltkriegs auseinander. Der ernst wirkende Mann ist ein international anerkannter Luftkriegsforscher. Krieg, das ist für Dettmar "etwas Belastendes."

Warum er bis heute auf der Suche nach Dokumenten und Zeugen aus dieser schrecklichen Zeit ist, erklärt er folgendermaßen: "Das ist der Haken, daß ich allen Dingen zu sehr auf den Grund gehen will." Eine andere, sehr persönliche Erklärung lautet: "Ich hatte nach dem Krieg oft Alpträume. Wenn's in der Luft brummte, dachte ich, daß das ein Angriff ist." Wenn man sich mit den Dingen, die einen belasten, intensiv auseinandersetze, könne man die Ängste kompensieren, sagt Dettmar.

Bei seinen Nachforschungen in England habe er Flieger kennengelernt, die die Bomben über Kassel abgeworfen hatten. "Die jungen Leute oben in den Maschinen hatten genauso viel Angst wie wir da unten."

Für seine Heimatstadt hat der Historiker zwei Dokumentationen erarbeitet. "Die Zerstörung Kassels im Oktober 1943" heißt ein Buch, für das Dettmar mit der Stadtmedaille und dem Paul-Dierichs-Preis ausgezeichnet wurde. Es ist das Ergebnis von 15 Jahren Forschung.

Reisen führten den belesenen Mann nach England und Amerika, er führte Gespräche mit Zeitzeugen, arbeitete in Archiven, wo er sogar Geheimunterlagen der britischen Luftwaffe entdeckte. Eine spannende Zeit für Dettmar, die seine ganze Freizeit eingenommen hat.

Sein zweites Buch, zusammen mit Helmut Brier herausgegeben, heißt "Veränderungen einer Stadt." Überraschende Fakten hat Dettmar auch hier in Erinnerung gerufen: So war bereits Ende der 20er Jahre die Sanierung der Kasseler Altstadt geplant. Die enge Bebauung habe man entzerren wollen, aus diesem Grund alle Häuser abgelichtet, sagt Dettmar.

Zwei Mappen mit historischen Negativen dienten als Dokumentationsfutter. Städte wie Nürnberg und Freiburg sind für Dettmar gelungene Beispiele für den Wiederaufbau. In der Fuldastadt habe man nach dem Krieg mit zwei Dingen aufräumen wollen: mit dem Dritten Reich und dem Kaiserreich. "Aus heutiger Perspektive hätte man den Wiederaufbau ganz anders gemacht", meint er. Einen Vorwurf möchte er den Stadtplanern der Vergangenheit damit aber nicht machen.

Der Pensionär Dettmar arbeitet für englische und amerikanische Archive. Er hat sich auf die Einsätze der westlichen Alliierten während des Zweiten Weltkriegs spezialisiert und für Archive ein Glossar erstellt, in dem über 1000 Abkürzungen und Spezialausdrücke der Militärs erklärt werden. Er ist in einem internationalen Arbeitskreis zur Erforschung des Luftkriegs mit dabei und hat gerade eine Dokumentation über den Luftkrieg in Ludwigshafen am Bodensee abgeschlossen.

Der Zweite Weltkrieg ist anscheinend immer noch ein heikles Thema, der Forscher Dettmar geriet oft zwischen die Fronten. Er habe bei all seinen Dokumentationen Fakten bringen wollen, keine Wertung: "Wer Schuld an dem blutigen Krieg war, das ist doch klar".

Von Beate Eder (Artikel aus dem Archiv vom 22.09.1997)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.