Christel Bauer kam unter dem Weinberg zur Welt

Bombennacht 1943: Er erblickte das Licht der Welt im Bunker

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Kassel. Einen unglücklicheren Geburtstermin gab es in den vergangenen Jahrhunderten in Kassel sicher nicht: Christel Bauer wurde mitten in den Feuersturm hineingeboren, den die schlimmste Bombardierung der Stadt ausgelöst hatte.

Als die Stadt in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 in Flammen stand und 10 000 Menschen ihr Leben verloren, hielt Johanna Bauer im Weinberg-Bunker kurz nach Mitternacht ihren Säugling in den Armen.

Christel Bauers Mutter ist inzwischen verstorben, aber sie hat diese außergewöhnliche Nacht in einem Bericht niedergeschrieben. Auch aus vielen Erzählungen seiner Mutter kennt der Sohn die Umstände seiner Geburt.

Ein Zeitdokument: In einer Ausgabe der Kurhessischen Landeszeitung, dem Zentralorgan der Gauleitung, ist die Geburtsanzeige von Christel Bauer veröffentlicht. Bei einem Schulprojekt war einem befreundeten Lehrer die Ausgabe in die Hände gefallen.

Als 570 englische Bomber am 22. Oktober gegen 21 Uhr im Anflug auf Kassel waren, lief Johanna Bauer im Nachthemd den Weinberg hinunter. Sie war im Elisabeth-Krankenhaus zur Entbindung und musste evakuiert werden.

„Ich kam auf dem Boden zwischen den Leuten zur Welt. Es war aber ein Arzt dabei“, sagt der Kasseler. Es hätten sich nach den Schilderungen seiner Mutter dramatische Szenen im Bunker abgespielt. Einige andere Mütter, die ebenfalls ihr Kind in dieser Nacht dort bekamen, hätten dies aus der Hand geben müssen. In dem Durcheinander seien einige Kinder vertauscht worden, weshalb die Mütter verzweifelten.

„Ich kam auf dem Boden zwischen den Leuten zur Welt.

„Meine Mutter hat mir erzählt, sie habe mich nicht aus der Hand gegeben.“ In Christel Bauers Geburtsanzeige, die Tage später in der Kurhessischen Landeszeitung erschien, spiegelt sich wider, wie dicht Leid und Glück in dieser Nacht beeindander lagen.

Nach dem Angriff wurden die Schwangeren und jungen Mütter auf einem Lkw in Notunterkünfte gebracht. Das Mietshauses an der Ellerhofstraße (Wehlheiden), in dem die Bauers lebten, war durch eine Bombe aufgerissen worden. Mutter und Sohn zogen zum Onkel nach Großenenglis (Schwalm-Eder-Kreis).

Mutter und Sohn: Das Foto entstand nach der Flucht zum Onkel aufs Land.

Vater Franz Bauer, der als gebürtiger Österreicher für die Deutschen auf dem Balkan kämpfte, sah sein Kind nur einmal bei einem Heimaturlaub. „Es gibt nur ein Foto, auf dem er mich vor der Orangerie im Kinderwagen schiebt“, erzählt der Sohn. Im Jahr 1944 starb der Vater an der Front.

Nach dem Krieg zog die Witwe mit ihrem Kind zurück nach Kassel, wo sie als Sekretärin im alten Polizeipräsidium am Königstor arbeitete. Das Mietshaus war inzwischen repariert worden. „Wenn ich meine Mutter als Kind an der Arbeit besuchte, musste ich über Schuttberge laufen“, erinnert sich Bauer. Und er weiß noch genau, wie ihm die Schulkameraden den Spitznamen „Bunker-Bauer“ gaben.

Bis heute hatte der Kasseler nicht die Gelegenheit, seine Geburtsstätte zu besichtigen. Zweimal schon wollte er sich den Bunker ansehen, beide Male ist die Führung ausgefallen. Nun stehe aber erstmal sein 70. Geburtstag vor der Tür.

Zur Person: Christel Bauer (69) studierte in Göttingen (Diplom-Handelslehrer) und arbeitete ab 1970 als Berufsschullehrer in der Kasseler Reuterschule. Vor seiner Pensionierung war er von 2000 bis 2006 Schulleiter der Martin-Luther-King-Schule. Der Kasseler ist verheiratet und hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder.

Von Bastian Ludwig

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