Sie erinnert im Stadtmuseum an die Bombennacht

Geschichte von alter Taschenuhr endete 1943 im Feuersturm

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Die alte Wilhemsstraße im Jahr 1907: Das Feinkost-Geschäft der Gebrüder Klippert war das Haus Nr. 15. Charlotte Helle lebte mit ihrer Familie rechts daneben in der Hausnummer 17. Heute mündet dort die Neue Fahrt in die Wilhelmsstraße. Die Passanten wurden später illustriert.

Kassel. Es ist nur zu erahnen, wie die Taschenuhr von Charlotte Helles Vater einmal ausgesehen hat. Die Spuren der Bombennacht sind deutlich zu erkennen.

Die Geschichte der Uhr endete in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943. Der Bombennacht, in der Kassel im Feuersturm unterging. Helle hat sie nun dem Stadtmuseum Kassel für die Sonderausstellung „Dein Stadtmuseum“ geliehen. 

Die verbrannte Taschenuhr (kleines Bild), die nun im Stadtmuseum zu sehen ist, fand Helles Vater Wochen nach dem Bombenangriff in den Trümmern des alten Wohnhauses.

Zur Geschichte der Uhr kann Charlotte Helle, geborene Thöne, wenig sagen. Sie gehörte einst ihrem Großvater, er starb in der Bombennacht. Doch die Geschichte der Uhr lässt Helle bis heute nicht los. Es ist eine Geschichte von Schrecken und Tod, aber auch vom Überleben. Helles Vater Willy Thöne hatte das Erbstück mit anderen Kostbarkeiten der Familie im Keller in Sicherheit gebracht.

Im Jahr 1943 lebt Charlotte Helle mit ihrer Mutter und den Großeltern in der Wilhelmsstraße 17. Der Vater ist in Kiel stationiert. Seit Wochen bestimmen Fliegeralarme den Alltag, vor allem nachts. „Arsch warm, Fliegeralarm. Das haben wir immer gesagt, die Bomber kamen nicht am Tag“, erzählt sie.

An diesem Abend, dem 22. Oktober, ahnt ihre Mutter Böses. „Die haben zuerst Christbäume, also Leuchtbomben, geworfen“, sagt Charlotte Helle. Die Achtjährige spürt die Angst der Familienangehörigen. „Pure Angst“, sagt sie. Mit Nachbarn sucht die Familie Schutz im Keller. Das Brummen der britischen Bomber kommt näher, bald sind die ersten Einschläge zu hören. Als das eigene Haus getroffen wird, fliehen sie unterirdisch durch Kellerdurchbrüche. Die Nachbarn bleiben zurück. Sie überleben den Angriff nicht.

Im Stadtmuseum: Charlotte Helle vor einem Foto der Taschenuhr. 

„Es wurden immer mehr Menschen, irgendwann waren es 300 in einem Keller.“ Charlotte Helle liegt mit ihrer Gasmaske auf der Erde. Sie muss sich übergeben, der Rauch ist überall. Irgendwann wird ein Loch von außen in den Keller geschlagen, es geht raus. „Als ich im Freien war, habe ich das Laub unter meinen Füßen brennen sehen. Eigentlich war es ein schöner Herbsttag“, erzählt die Frau mit einem Zittern in der Stimme. Das flüssige Phosphor der Bomben verbrennt die Stadt.

Zu diesem Zeitpunkt sind Mutter und Tochter nur noch zu zweit, die Großeltern haben sie aus den Augen verloren. Die Großmutter treffen sie später wieder. Die beiden flüchten durch weitere Keller, um nicht auch zu verbrennen. Schließlich finden sie Unterschlupf in einer Telefonzelle am Friedrichsplatz, harren dort bis zum Morgen aus. Die Bilder bekommt Charlotte Helle nicht aus dem Kopf. „Die verbrannten Leichen lagen reihenweise auf dem Friedrichsplatz. Mutter sagte: Guck nicht hin. Aber es gab nichts anderes zu sehen“, sagt sie.

Wochen später kehrt der Vater in die Wilhelmsstraße zurück. Keine Ruinen stehen dort, nur Schutt. In den Trümmern findet er die Uhr seines Vaters. „Wären wir nicht aus dem Keller raus, wären wir genauso verschmort wie die Uhr“, sagt die 81-Jährige.

Zur Person:

Charlotte Helle wurde am 13. Juli 1935 als Charlotte Thöne geboren. Sie lebt mit ihrem Mann bis heute in ihrer Geburtsstadt Kassel. Helle lernte Industriekauffrau und arbeitete dann als Buchhalterin in verschiedenen Betrieben in Kassel und Umgebung. Die 81-Jährige hat zwei Kinder, vier Enkel- und ein Urenkelkind. In der Bombennacht war sie acht Jahre alt. 

Hintergrund:

Mehr Informationen zur Bombennacht gibt es in unserem Regiowiki.

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