22.10.1943: Zwei Überlebende erzählen

Erinnerung an die Bombennacht in Kassel

Kassel. Im Oktober 1943 war sie 17 und machte eine Lehre als Schneiderin im „Magazin zum Pfau“, einem Geschäft an der Unteren Königsstraße. Elisabeth Sälzer (damals hieß sie Ewald) erinnert sich noch genau an den Fliegeralarm am frühen Abend des 22. Oktober.

HNA-Videos zum Thema Bombennacht:

-Flug über das zerbombte Kassel - Teil 1

-Flug über das zerbombte Kassel - Teil 2

-Flug über das zerbombte Kassel - Teil 3

-Bilder des zerstörten Kassels

-Mittendrin und doch überlebt

„Kind, komm schnell rein, die Christbäume stehen schon am Himmel“, habe ihre Mutter gerufen. Christbäume, so nannten die Menschen die Zielmarkierungsbomben. Wenn die zerfielen, dann sahen sie aus wie tausend kleine Sterne.

Die Familie von Elisabeth Sälzer wohnte vor den Toren von Kassel in Sandershausen. „Wir hatten kaum den Keller erreicht, da ging es schon los“, erzählt die 85-Jährige. Furchtbare Detonationen habe es gegeben. „Es war so schlimm, dass meine Schwester einen Krampf bekam und ihr sechs Monate altes Baby nicht mehr im Arm halten konnte. Es fiel auf den Boden und schrie.“

Das ganze Haus habe gebebt, erinnert sich auch Elisabeth Adolphs. Sie war damals zehn Jahre alt und wohnte in einem Mehrfamilienhaus an der Wigandstraße in Wilhelmshöhe. „Ich saß in der Badewanne, als es losging“, sagt sie. Ruckzuck sei sie draußen gewesen, habe Schuhe, Strümpfe, ein Nachthemd und darüber einen Trainingsanzug angezogen.

So klingt eine...

- Luftschutzsirene

- Fliegeralarmsirene

-Entwarnung

Nach vielen Fliegeralarmen war das fast schon Routine. Was danach kam, war allerdings schlimmer als alle Angriffe zuvor. Ein größeres Gebäude in der Nachbarschaft sei getroffen worden. An den Ausruf: „Das Pensionshaus brennt“, erinnert sie sich noch. Und auch daran, dass ihre Mutter bei den Löscharbeiten geholfen hat. Aus dem brennenden Haus seien jede Menge Gegenstände gerettet worden. „Die Nachbarn haben die Sachen später bei uns abgeholt, da hat nichts gefehlt“, sagt Elisabeth Adolphs.

Fast noch schlimmer als der Feuersturm in der Nacht war für beide Frauen der nächste Tag. „Nachbarn und Freunde haben erzählt, wie schlimm es in der Altstadt aussah“, sagt Elisabeth Adolphs. Von Toten, die bis zur Unkenntlichkeit verbrannt waren, hörte die Zehnjährige.

Die Bombennacht im Regiowiki

Kurze Zeit später zog ihre Mutter mit ihr und den beiden Brüdern zu Freunden im Sudetenland. Als ihr Vater kurz vor Kriegsende ein Telegramm von der Front schickte, packten sie erneut die Koffer. „Ist Umzug schon vollzogen?“, lautete die unverdächtige Frage. „Das war unser Code, da wussten wir, dass der Russe kommt“, sagt Elisabeth Adolphs. Die Familie floh zurück nach Kassel.

Dort sah die ältere Elisabeth schreckliche Zerstörung und Berge von Toten. „Am 23. Oktober bin ich zur Unteren Königsstraße gegangen, es war furchtbar“, sagt sie. Überall hätten Leichen gelegen. Vor der „Pinne“, einer bekannten Gaststätte in der Altstadt, hätten besonders viele Uniformierte gelegen. „Das waren Soldaten auf Heimaturlaub, die hier ums Leben gekommen sind“, sagt sie. Unter den Toten seien auch Schulkameraden gewesen. „Als der Krieg begann, hatten wir alle keine Ahnung, was das bedeutet“, sagt sie.

Montag, 22. Oktober, ab 18 Uhr, findet ein Gedenkgottesdienst in der Martinskirche mit Pfarrer Hermann Köhler statt.

Hintergrund: Fliegeralarm um 20.17 Uhr

Unser Bombennacht-Spezial

Mehr als 400 Bomber der britischen Luftwaffe griffen am 22. Oktober 1943 Kassel an. Nach einem Scheinangriff auf Frankfurt gab es um 20.17 Uhr Fliegeralarm in Kassel. Der 22. Oktober 1943 war ein Freitag. Zeitzeugen erinnern sich daran, dass bis zum Fliegeralarm die Cafés und Restaurants der Innenstadt noch gut besucht waren. Um 20.37 Uhr begann das Inferno. Schwere Luftminen und 594 Sprengbomben deckten mit ihrer gewaltigen Druckwirkung die Dächer ab. Fast 400.000 Stabbrandbomben entfachten dann den Feuersturm. Als die letzten Bomber gegen 21.30 Uhr abdrehten, stand die gesamte Altstadt in Flammen. Der Grad der Zerstörung war nach Einschätzung von Historikern so groß wie in Dresden. (tos)

Kasseler Innenstadt vor der Zerstörung

Kassel vor der Zerstörung: Bilder aus der Innenstadt

Rubriklistenbild: © Herzog

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