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Kassel vor der Bombennacht: Bislang noch unveröffentlichte Fotos zeigen die scheinbare Idylle

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Von: Thomas Siemon

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In wenigen Tagen jährt sich das Datum der Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943 zum 79. Mal. Damals wurde die Altstadt im Feuersturm nach dem Bombenhagel ausradiert.

Kassel – Dieses Inferno hatte eine Vorgeschichte, zu der auch die Reichskriegertage 1937 und 1939 in der damaligen Gauhauptstadt Kassel gehörten.

Dazu haben wir aus einem Nachlass seltenes Bildmaterial bekommen, das bislang noch nie veröffentlicht wurde. Auf dem Farbdia ist das Fridericianum im Jahr 1939 zu sehen, das mit nationalsozialistischen Flaggen und Bannern ausstaffiert wurde. Auf dem Friedrichsplatz fanden riesige Aufmärsche statt, viele Tausend Menschen bejubelten damals die Machthaber mit Adolf Hitler an der Spitze. Nur vier Jahre nach der zweiten Propagandaveranstaltung der Nazis lag Kassel in Schutt und Asche.

Reichskriegertag 1939: Das bislang unveröffentlichte Foto aus einem Nachlass zeigt das Fridericianum mit Hakenkreuzfahnen. Vier Jahre später wurde ein Großteil der Kasseler Innenstadt in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 zerstört.
Reichskriegertag 1939: Das bislang unveröffentlichte Foto aus einem Nachlass zeigt das Fridericianum mit Hakenkreuzfahnen. Vier Jahre später wurde ein Großteil der Kasseler Innenstadt in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 zerstört. © Privat

Kassel zählte vor Bombennacht als eine der schönsten Fachwerkstädte Deutschlands

Die verheerende Wirkung der Brandbomben konnte sich auch deshalb nahezu ungebremst zum Feuersturm entwickeln, weil die Altstadt zum größten Teil aus Fachwerkhäusern bestand. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte und heute kaum noch vorstellbar, dass Kassel eine der schönsten Fachwerkstädte Deutschlands war. Es gab zwar hygienisch bedenkliche Hinterhofwohnungen, die kaum ein Sonnenstrahl erreichte, aber auch beeindruckende Geschäfts- und Wohnhäuser.

Der Freiheiter Durchbruch: Die Öffnung zum Altmarkt wurde 1936 fertiggestellt. Auf dem sind rechts auch die Türme der Martinskirche zu sehen.
Der Freiheiter Durchbruch: Die Öffnung zum Altmarkt wurde 1936 fertiggestellt. Auf dem sind rechts auch die Türme der Martinskirche zu sehen. © Archiv Hans Germandi

Kaum jemand konnte über das Leben in den engen Gassen, rund um den Altmarkt, den Pferdemarkt und unter den Doppeltürmen der Martinskirche so detailreich erzählen, wie der 2014 im Alter von 88 Jahren verstorbene Kassel-Chronist Hans Germandi. Was bei seinen Diavorträgen über das „ahle Nest“ hängen blieb, war unter anderem die Verbindung von einem Quartier zum anderen. Da gab es noch keine trennenden mehrspurigen Straßen so wie heute. Vom Entenanger über die Kastenalsgasse bis rüber zum Pferdemarkt konnte man sich problemlos zu Fuß bewegen.

Bombennacht von Kassel: Historische Fotos zeigen scheinbare Idylle vor der Zerstörung

Das galt allerdings ab 1933 nicht mehr für alle Menschen der Stadt. Die Verfolgung der jüdischen Bewohner spitzte sich spätestens seit der Pogromnacht zu. Die fand in Kassel bereits am 7. November 1938 und damit zwei Tage früher als sonst im Deutschen Reich statt. Damals wurde die Synagoge an der Unteren Königsstraße erheblich beschädigt, später abgerissen. Die Deportation der Kasseler Juden begann 1941. Etwa 2500 Menschen wurden mit Zügen vom Hauptbahnhof ins Ghetto Riga und in verschiedene Konzentrationslager transportiert. Nur wenige überlebten die unmenschlichen Bedingungen mit Hunger, Kälte, harter Arbeit und Misshandlungen.

Enge Gassen, dichte Bebauung: Ein Luftbild aus den 1930er-Jahren mit der Martinskirche im Mittelpunkt.
Enge Gassen, dichte Bebauung: Ein Luftbild aus den 1930er-Jahren mit der Martinskirche im Mittelpunkt. © Archiv Hans Germandi

Die Fotos, die das alte Kassel vor der Zerstörung zeigen, bilden auch deshalb nur eine scheinbare Idylle ab. Für Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, Behinderte und andere von den Nazis sogenannte „Volksfeinde“ gab es diese heile Welt nicht.

Kassel: Fachwerkhäuser verschwinden nach Bombennacht aus dem Stadtbild

Trotzdem werden viele die Fotos der teils prachtvollen Fachwerkbauten mit Wehmut betrachten. In kleineren Städten der Region wie Melsungen, Fritzlar und Hann. Münden gibt es solche Häuser noch. In Kassel bis auf wenige Ausnahmen zum Beispiel im Märchenviertel von Niederzwehren nicht mehr. Eine Folge des Krieges, dessen Narben bis heute zu sehen sind.

Prächtige Fachwerkbauten: Die Aufnahme zeigt den Blick vom Altmarkt in die Brüderstraße.
Prächtige Fachwerkbauten: Die Aufnahme zeigt den Blick vom Altmarkt in die Brüderstraße. © Archiv Hans Germandi

Am Samstag, 22. Oktober, erinnern wir an die Bombennacht von 1943. In der kommenden Woche geht es um den Wiederaufbau und die Chancen für die Stadtreparatur. (Thomas Siemon)

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