Gedenken an die Bombennacht - Glocke muss um 20.37 Uhr läuten

Kassel. Als die Glockentürme der Martinskirche im Feuersturm nach dem Bombenhagel zusammenstürzten, übertönte ein Geräusch alle anderen. Ein letzte Mal war die tonnenschwere Hauptglocke, die Osanna, zu hören. Sie prallte mit großer Wucht auf dem Erdboden auf und zersprang.

Hier geht es zu unserem Bombennacht Spezial

Seit 25 Jahren sorgt Hans Germandi, der als Chronist des alten Kassel bekannt wurde, dafür, dass die neue Osanna-Glocke der Martinskirche am Gedenktag der Bombennacht zu hören ist. „Das bin ich meinen Eltern und meiner Schwester schuldig“, sagt der 85-Jährige. Seit 68 Jahren leistet er Trauerarbeit.

Zwei Tage nach dem verheerenden Bombeangriff stieg er am Bahnhof Wilhelmshöhe aus dem Zug. Gerade mal 17 Jahre alt, Soldat bei der Marine, ein Kind der Kasseler Altstadt. Der junge Hans Germandi erkannte seine Heimatstadt kaum wieder. Er lief in großer Sorge um seine Familie durch eine Trümmerlandschaft. Die Wilhelmshöher Allee hinunter und dann durch die Königsstraße. Zerstörung, so weit das Auge reichte.

Die Martinskirche, das Symbol für eine glückliche Kindheit im Zentrum des alten Kassel - ausgebrannt mit zwei amputierten Türmen. „Das ist ein Anblick, den man sein Leben lang nicht vergisst“, sagt der 85-Jährige.

Mahnmal: Die bei Henschel gegossene Osanna-Glocke von 1818 stürzte in der Bombennacht in die Tiefe. Sie steht im Eingangbereich der Martinskirche.

Erst das beklemmende Gefühl und dann die schreckliche Gewissheit: Vater, Mutter und die große Schwester waren in den Trümmern des Elternhauses an der Kastenalsgasse ums Leben gekommen. „Damals habe ich das traurigste Foto meines Lebens gemacht“, sagt er. Mitten in den Trümmern des Elternhauses stand ein mit Kreide beschriebener Stein: „Familie Germandi, tot.“

Hans Germandi gilt heute als der beste Kenner des alten Kassel. Seine Diavorträge, die er aus Gesundheitsgründen nicht mehr hält, waren Publikumsmagneten. Fast vier Jahrzehnte hat Hans Germandi gebraucht, bis er historische Bilder aus allen Straßen und Gassen der Altstadt vor der Zerstörung zusammenhatte. Das umfangreiche Archiv seines Vaters mit Tausenden von Fotos verbrannte am 22. Oktober 1943.

Hier geht es zum Regiowiki-Portal zur Bombennacht

Um 20.37 Uhr schlugen damals die ersten Bomben im Altstadt-Quartier rund um die Martinskirche ein. Fast 400 000 Stabbrandbomben sowie Hunderte von Luftminen und Sprengbomben zerstörten das alte Kassel. 10 000 Menschen starben in dieser Nacht, die Wunden sind bis heute nicht vollständig vernarbt.

„So lange ich lebe, werde ich daran erinnern“, sagt Hans Germandi. Wenn er heute die Glocke läutet, dann ist der Gottesdienst längst vorbei. „Wir wollen, dass möglichst viele Menschen kommen und beginnen deshalb um 18 Uhr“, sagt Pfarrer Willi Temme. Bischof Martin Hein wird die Predigt halten. Die Besucher erwartet eine Uraufführung. Die Kantorei St. Martin unter Leitung von Eckhard Manz spielt eine Komposition von Michael Töpel.

Auf DVD: Ein Film über das alte Kassel

DVD "Min ahles Kassel" - Filmaufnahmen vom alten Kassel - Hier der Trailer

Wer die DVD „Min ahles Kassel“ anschaut, taucht ein in eine verlorene Stadt. Zu sehen ist Kassel, wie es vor der großen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ausgesehen hat. Die Filmaufnahmen sind entstanden um 1938 und zeigen urige Fachwerkhäuser und verwinkelte Gassen der Altstadt, die Prachtbauten der Oberneustadt, aber auch die Wilhelmshöher Allee und die Karlsaue. Oskar Feuerstein Diese Szenen gedreht hat Oskar Feuerstein. Er war damals Ingenieur bei den Fieseler-Werken Kassel und leidenschaftlicher Amateurfilmer. Bevor Oskar Feuerstein 1973 starb, vermachte er die historischen Aufnahmen seiner Tochter Elke Spitzer. Und sie brachte das Material aufgrund des Betreibens von Ralph Raabe wieder ans Tageslicht, Betreiber des Club ARM an der Werner-Hilpert-Straße und an der Historie Kassels interessiert. Elke Spitzer hat uns die Szenen zur Verfügung gestellt. Und so ist die DVD „Min ahles Kassel - Erinnerungen an eine verlorene Stadt“ entstanden. Wie die Stadt vor dem Zweiten Weltkrieg ausgesehen hat, weiß Kassel-Historiker Hans Germandi genau. Der heute 85-Jährige wuchs in der Altstadt auf. Er kommentiert einige Szenen der HNA-DVD und erzählt von seinen Erinnerungen.

Die DVD ist in allen HNA-Geschäftsstellen für 4,95 Euro erhältlich. Sie kann auch im Internet bestellt werden: www.hna24.de - und über diesen Link gelangen Sie direkt zur DVD: http://zu.hna.de/qKHoPG (abg)

Rubriklistenbild: © Koch

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.