Jeder baute, wo er wollte

Stadtviertel am Hauptbahnhof hieß im Volksmund „Albernhausen“

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Den Kurfürst umgangen: In der Bahnhofstraße (heute Werner-Hilpert) entstanden viele Häuser Ende des 19. Jahrhunderts ohne Erlaubnis.

Kassel. Es war ein Symbol gegen die Obrigkeitshörigkeit: Mit den Bomben des Zweiten Weltkrieges ist das im Volksmund als „Albernhausen“ bezeichnete Kasseler Stadtviertel am Hauptbahnhof verschwunden. Ungeduldige Bauherren hatten es ohne jede Genehmigung hochgezogen.

Wir werfen einen Blick auf dieses städtebauliche Kuriosum, das vor 160 Jahren mit dem Bau des Hauptbahnhofes 1852 entstand und durch seine „confusen“ Baustile in zeitgenössischen Spott-Schriften populär wurde.

Auslöser der architektonischen Rebellion war ein Kontrollzwang des Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. Dieser behielt sich für jeden neuen Bau in der Residenzstadt Cassel seine Zustimmung vor. Weil sich der Kurfürst - wegen weit wichtigerer Aufgaben - mit der Bearbeitung der Bauanträge zum Teil jahrelang Zeit ließ, warteten etliche Bauherren nicht auf dessen Gnade.

Aufmüpfiges Bürgertum

Es war nicht der Widerstand des kleinen Mannes, der sich da rührte: Selbst das gehobene Bürgertum begann zu bauen, ohne sich um stadtplanerische Vorgaben und kurfürstliche Anweisungen zu scheren: Uneinheitliche Häuserhöhen, keine klare Straßenflucht und ein wilder Baustil bestimmten in der Folge das Straßenbild des Viertels.

Stadtplan von 1882: „Albernhausen“ erstreckte sich vom Bahnhof in nord-östliche Richtung.

Ausgangspunkt für Albernhausen war der Hauptbahnhof, den der kurhessische Oberbaumeister Gottlob Engelhard ab 1852 baute. Zunächst lag dieser außerhalb der eigentlichen Stadt, aber schon bald entstanden viele neue Häuser an der Bahnhofstraße (heute Werner-Hilpert), am Unteren Grünen Weg (heute Grüner Weg) und der Orleansstraße (heute Erzberger). Neben schlichtem Backsteinbau, gab es Fassaden mit nachgeahmten gotischen und klassizistischen Stilelementen zu entdecken. Ein Hingucker war die gotisch verzierte Weinhandlung „Gundelach“ an der Bahnhofstraße (heute Club A.R.M./ Lolita Bar), die wegen ihres Aussehens „Weinkirche“ genannt wurde.

Obwohl viele Gebäude im heutigen Schillerviertel zum Teil erst nach der kurfürstlichen Zeit entstanden sind, verbesserte sich das Straßenbild kaum. So war auch die Bebauung des Areals an der Sedan- (heute Sickingen-), Wörth- (heute Hoffmann-von-Fallersleben) und Schillerstraße keinesfalls einheitlich. Auch diese Straßenzüge waren gemeint, wenn Zeitgenossen liebevoll-spöttisch von „Albernhausen“ sprachen.

Spöttische Reime

Im Jahr 1870 erschien ein Gedicht über „Albernhausen“ in einer Druckschrift, die aus Anlass einer Industrie-Ausstellung neben der Orangerie erschien:

„Grad aus dem Weinhaus doch kam ich heraus, Straße, wie wunderlich siehst du mir aus“ Rechter Hand, linker Hand alles vertauscht; Straße, dein Bauherr, war sichtlich berauscht.

Könnten die Häuser hier - was ist geschehen? - in einer Flucht, wie andere nicht stehen? Eines steht grade, das Andere steht quer; Scheinen betrunken mir allesammt schwer.

Eines ist groß und das andere ist klein; Sollt’s mit dem Baumeister richtig wohl sein? Ihm zu begegnen schein ein Wagestück - Da geh ich lieber zu Bohné zurück.“

Anmerkung: Mit dem Weinhaus war die Weinhandlung Gundelach in der damaligen Bahnhofsstraße gemeint. Bohné war ein anderer Weinhändler in der Oberen Königsstraße 28.

Von Bastian Ludwig

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