Keller des Elternhauses existiert noch heute

Kasseler Bombennacht: Jürgen Schlemeier überlebte als Vierjähriger unter den Trümmern

Kassel. Nur wenige Meter vom Steinweg entfernt ist in einem Hinterhof ein ehemaliges Kellergeschoss aus Backsteinen stehen geblieben. Die außergewöhnliche Geschichte dazu kennt Jürgen Schlemeier.

Der heute 78-jährige hat hier als kleiner Junge die schlimmste Nacht seines Lebens verbracht. In einem Haus, das es nicht mehr gibt, an einer Straße, die im Krieg komplett ausradiert wurde.

Die Vorgeschichte

Nach der Berichterstattung über den Jahrestag der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 hat sich Jürgen Schlemeier gemeldet. Der Zeitzeugenbericht über die Zerstörungen rund um den damaligen Schlossplatz hat bei ihm viele Erinnerungen geweckt. Seine Familie hat gleich um die Ecke in der Ziegengasse gewohnt, sein Vater war als sogenannter Selbstschutz-Truppführer für das ganze Quartier zuständig. (siehe Artikel unten).

Vor Ort (1)

„Es gibt noch einen letzten Rest der Ziegengasse“, hat Jürgen Schlemeier am Telefon gesagt. Ob das von Interesse sei? Beim Treffen vor Ort ist es gut, dass er mit seiner Frau Ingrid an der Ecke Entenanger/Graben wartet. Die Mauerreste auf dem Hinterhofparkplatz hätte man leicht übersehen können. Doch hier zwischen zwei Parkplätzen und den Rückfronten der Häuser sind eindeutig alte Backsteinmauern mit einer Treppe nach unten und einer alten Tür erkennbar. „In diesem Haus haben wir gewohnt, das war der Keller der Ziegengasse 21“, sagt er. Als vierjähriger Junge habe er damals vor 74 Jahren zitternd die Detonationen der Bomben erlebt.

Nach 74 Jahren zum ersten Mal wieder in dem ehemaligen Luftschutzkeller: Jürgen Schlemeier hat als kleiner Junge hier die Kasseler Bombennacht erlebt. Foto:  Schachtschneider

Der Glücksfall

Auf dem Hinterhof sind Gabi Wagner-Bindbeutel und Leander Wagner vorgefahren. Wie sich im Gespräch herausstellt, gehört ihnen das Haus am Entenanger, das direkt an die Überreste der Ziegengasse grenzt. Die Überraschung: Es gebe nach wie vor einen Zugang zu dem Keller, sagen sie. Durch den Hausflur geht es nach unten. Hinter verputzten und gefliesten Kellerräumen gibt es eine Tür. Dahinter geht es zumindest für Jürgen Schlemeier mehr als sieben Jahrzehnte zurück in die Kindheit. Er muss erst einmal tief durchatmen. „Ich glaube, ich werde heute Nacht sehr unruhig schlafen“, sagt er. Tiefer hinein in den dunklen Keller geht es erst einmal nicht. Ohne Taschenlampen wird das nichts.

Vor Ort (2)

Diesmal gibt es genug Licht. Jürgen Schlemeier erzählt, dass er schlecht geschlafen hat. Treppen führen hinab in den alten Gewölbekeller, der in der ersten Phase der Bombennacht einen gewissen Schutz bot. „Wir waren hier bei vielen Bombenangriffen“, sagt Jürgen Schlemeier. Der vom 22. Oktober 1943 sei der schlimmste von allen gewesen. Mindestens sechs Bewohner aus dem Haus seien damals gestorben. Sie wollten die Keller nicht verlassen. Er erinnert sich daran, dass sein Vater mit ihm durch eine brennende Toreinfahrt gerannt sei und ihn bis zum Schlossplatz begleitet habe.

Den Zugang zum Keller gibt es noch: Die Tür mit den alten Mauern steht im Hinterhof.

Die Ziegengasse

Der Vater von Jürgen Schlemeier war Lehrer und bekam eine Stelle in Waldau. Deshalb zog die Familie nach Kassel. „Die Ziegengasse hatte keinen guten Ruf, das erfuhren wir aber erst im Lauf der Zeit“, sagt der 78-Jährige. Nicht weit entfernt gab es ein Bordell. Auch das sei zerstört worden, der Betrieb ging wohl schon kurz nach dem Krieg weiter. Vor einer Baracke habe damals die Rote Laterne geleuchtet.

Der Hausbesitzer

Nach dem Krieg wurde das Areal zwischen der Entengasse (heute Entenanger) und dem Steinweg neu geordnet. Viele ehemalige Hausbesitzer verkauften ihre Ruinengrundstücke. Erwin Engelmann, dem das Haus Ziegengasse 21 gehörte, wollte das aber partout nicht. „Der saß Tag für Tag zwischen den Trümmern und putzte Steine“, sagt Jürgen Schlemeier. Die wollte er als Baumaterial für einen Neubau nutzen. „Der alte Engelmann hat seinen Kopf durchgesetzt“, sagt Jürgen Schlemeier und lacht. Nur deshalb gibt es den früheren Kellerraum im Hinterhof noch, der dort scheinbar ein Fremdkörper ist. In Wirklichkeit ist er eine Art Denkmal. Für die Bombennacht und für die Beharrlichkeit seines ehemaligen Besitzers.

Jürgen Schlemeier (78) ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Der pensionierte Bauingenieur hat als Bauleiter gearbeitet und lebt in Harleshausen.

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