70 Jahre danach

Kasseler Bombennacht: Die Frau auf dem Foto hieß Marie

23. Oktober 1943: Am Morgen nach der schrecklichen Bombennacht wurde dieses Foto gemacht. Bei der erst jetzt identifizierten Frau handelt es sich um die damals 37-jährige Marie Herche. Foto:  Stadtmuseum

Kassel. Das Grauen der Bombennacht ist ihr noch ins Gesicht geschrieben. Die Frau, die erschöpft auf einem Koffer in den Rauchschwaden am Holländischen Platz sitzt, ist zur Symbolfigur für die Zerstörung Kassels am 22. Oktober 1943 geworden. 70 Jahre später ist endlich geklärt, wer diese Frau war.

Zu den Jahrestagen der Bombennacht gab es immer wieder Aufrufe in der HNA, sich doch zu melden, wenn man die Frau kenne. Werner Dettmar (86), Autor mehrerer Bücher über den Luftkrieg und die Zerstörungen in Kassel, hat das Foto vor 30 Jahren bei seinen Recherchen im Londoner Imperial War Museum entdeckt. Es steckte in einem Stapel mit anderen Aufnahmen aus Kassel. Den Holländischen Platz hat er sofort wiedererkannt. Seine Familie wohnte ganz in der Nähe. Die Bombennacht verbrachte der damals 16-Jährige zusammen mit seiner Mutter im Luftschutzkeller des Henschel-Verwaltungsgebäudes. Das gibt es immer noch, drum herum ist der Universitätsstandort Holländischer Platz gewachsen.

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Die Hoffnung darauf, den Namen der Frau auf dem Bild zu erfahren, hatte Werner Dettmar schon aufgegeben. Doch jetzt, zum 70. Jahrestag der Bombennacht, hat sich nach der erneuten Veröffentlichung in der HNA endlich jemand gemeldet.

Demnach handelt es sich bei der Frau auf dem Foto um die vor 25 Jahren verstorbene Marie Herche, Jahrgang 1906, die in Treysa aufgewachsen ist, keine Kinder hatte und mit ihrem Mann Heinrich am Grünen Weg 18 in Kassel wohnte. Beide arbeiteten bei der Victoria-Versicherung. „Die Tante hat das in der Familie schon vor 30 Jahren erzählt“, sagt die Nichte Margret Herche (76).

17 Jahre später: Die dunkel gekleidete Marie Herche inmitten einer Hochzeitsgesellschaft. Foto:  privat

Damals habe man zwar kurz darüber geredet, sich bei der HNA zu melden, das aber erst jetzt nach der erneuten Erinnerung gemacht. Mehrere Details, die Marie Herche ihren Verwandten erzählte, hat Werner Dettmar überprüft. Als das Haus am Grünen Weg brannte, habe sie Handtücher in Milchkannen getaucht und sich damit vor der Hitze und dem Rauch geschützt. Das klingt seltsam, doch in dem Haus war der Verkaufsraum einer Molkerei. Im Adressbuch von 1940 sind Marie Herche und der Buchhalter Heinrich Herche unter dieser Anschrift aufgeführt.

Was ebenfalls passt, ist der Ort, an dem das Foto aufgenommen wurde. Wer könnte das Foto gemacht haben? Mit Sicherheit kein Amateur. Erstens war es streng verboten, Aufnahmen der Zerstörung zu machen. Außerdem trägt dieses Foto die Handschrift eines Profis. Den gab es an genau dieser Stelle. Und zwar im Fotogeschäft Bauriedl, Untere Königsstraße 108.

Die letzten Zweifel hat ein Familienfoto beseitigt. Es zeigt eine Hochzeitsgesellschaft aus dem Jahr 1960, in deren Mitte Marie Herche zu sehen ist. „Die Gesichtszüge, die Haare, ich bin mir sicher, dass das die Frau ist, die wir gesucht haben“, sagt Werner Dettmar.

Von Thomas Siemon

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