Interview: "Ich habe immer wieder Gänsehaut bekommen"

Neues Buch zur Kasseler Bombennacht: „Dieser Tag hat sich eingebrannt“

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Komplett zerstört: Die Kasseler Innenstadt nach dem 22. Oktober 1943.

Am 22. Oktober jährt sich die Bombennacht in Kassel zum 75. Mal. Die Erlebnisse vieler Zeitzeugen schildert Thomas Siemon in seinem neuen Buch "Trümmer, Tod und Tränen". Ein Interview mit dem Autor.

Thomas, hat dich die große Resonanz auf unseren Aufruf überrascht?

Thomas Siemon: Als wir im Februar den Aufruf gemacht haben, da hatte ich gedacht: Wenn sich zehn bis 15 Zeitzeugen melden, ist das viel. Als es immer mehr wurden, fand ich das klasse. Es waren dann um die 160. Mit vielen davon habe ich geredet. Und das sind Gespräche, die einen immer wieder berühren und beeindrucken. Manche Menschen haben bisher darüber nur im engsten Familienkreis gesprochen; und sie mussten sich nun überwinden, mit ihrem Gesicht in der Zeitung zu sein. Ich habe ihnen versucht zu vermitteln, wie wichtig ihre Berichte und ihre Fotos für die Nachwelt sind.

Was hat dich denn am meisten beeindruckt?

Siemon: Ich bin immer wieder erstaunt gewesen, wie gut es die Zeitzeugen hinbekommen haben, mit diesen schrecklichen Erfahrungen zurechtzukommen, die sie als Kinder erlebt haben. Da denke ich mir, dass sie es geschafft haben, mit Arbeit, Kindern, Familie andere Perspektiven des Lebens zu entwickeln. Ich fand es zudem sehr berührend, wie viel Mühe sich insbesondere die älteren Damen vor dem Gespräch gegeben haben: wie schön sie sich zurechtgemacht haben, dass sie ihren Schmuck angelegt haben, wie gepflegt sie waren. Das hat mich beeindruckt, weil es zeigte, dass es für sie etwas Besonderes war - für mich aber auch.

War das Besondere, dass der Mann von der Zeitung kam oder dass sie über die Bombennacht erzählt haben?

Siemon: Wahrscheinlich beides. Es kommt ja auch nicht so oft vor, dass der Mann von der Zeitung im Wohnzimmer sitzt. Aber das war einfach auch eine Gelegenheit zu reden. Das hat manchmal länger gedauert, und diese Zeit war auch da.

Ist es den Menschen schwergefallen, über das Erlebte zu reden?

Siemon: Das war ganz unterschiedlich. Es gab Tränen, es gab aber sogar auch Schilderungen von Glücksgefühlen. Wenn jemand in der Bombennacht seine spätere Frau kennengelernt hat, dann ist das für denjenigen ein beglückender Moment gewesen. Draußen fallen die Bomben, man sitzt im Bunker, und man kommt sich trotzdem näher. Dafür muss man natürlich ein entsprechendes Gemüt haben. Und dieser Zeitzeuge hat solch ein Gemüt.

Was auffällt, ist, wie detailliert die Zeitzeugen über die Bombennacht berichten.

Siemon: Ja, das hat sich tatsächlich eingebrannt. Die Erinnerung an die Geschehnisse ist sehr tief und gravierend. Manche haben ihre Erfahrungen aufgeschrieben, manches hat sich im Gespräch entwickelt. Ich hatte zum Beispiel auch Kontakt zu einem Mann, der mittlerweile dement ist und im Altenheim lebt. Er hatte seine Geschichte vor geraumer Zeit aufgeschrieben. Er konnte sich nicht mehr an die Einzelheiten erinnern, aber daran, dass er etwas zu Papier gebracht hat. Und das ist toll, was er geschrieben hat. Es liest sich wie ein Krimi. Er hat sich sehr gefreut, dass ich bei ihm war.

Welche Erfahrungen hast du bei den Besuchen noch gemacht?

Siemon:Ich war zum Beispiel bei einer älteren Dame, die nur mit Mädchenname genannt werden wollte, weil sie einfach Angst hatte, dass ihr sonst etwas passiert – nach dem Motto: Man weiß ja nie in der heutigen Welt. Ich habe das akzeptiert. Oder kürzlich: Da wollte ich eine Zeitzeugin besuchen, die mir eine Straße in Lohfelden als Adresse angab. Ich habe die Straße ins Navi eingegeben, aber das Problem war, dass dieses Navi mir stets mitteilte, dass es mich nicht verstehen würde. Ich habe die Frau dann noch einmal angerufen, und es stellte sich heraus, dass sie mir ihre Adresse von damals zu Zeiten des Krieges gegeben hat. Die Straße gibt es heute noch – aber in Kassel. Ich habe die Frau dann aber noch gefunden.

Auf welche Menschen bist du getroffen: gebrochene Menschen? Lebensfrohe Menschen?

Siemon:Ich glaube, es liegt in der Natur der Sache, dass sich bei solch einem Aufruf nur Menschen melden, die irgendwie auch zurechtkommen. Und das war auch so. Das waren keine Menschen, die einen Seelsorger gebraucht hätten. Das waren Menschen, die sich teilweise etwas überwinden mussten, aber die dann auch erzählen wollten. Und es waren alles Menschen, die mit dem schlimmen Schicksal, mit dem Verlust von nahen Angehörigen oder Freunden, leben mussten – und es irgendwie hinbekommen haben. Alle haben aber den Eindruck vermittelt, dass sie sehr viel Energie hatten und zum Teil noch haben. Das ist eine Aufbaugeneration, das merkt man.

Buchpräsentation bei Thalia: Verleger Jannis Wieden (von links), Lektorin Katja Piesik-Woitok (beide Wartberg Verlag), Jan Schlüter (HNA-Chefredakteur) und Autor Thomas Siemon.

Was geben die Menschen den jungen Leuten von heute mit?

Siemon:Manche haben das ausdrücklich gesagt: Es soll jeder wissen, wie schlimm das damals war. So etwas darf sich nicht wiederholen. Das war die Triebfeder. Mir ist das auch ganz wichtig: Es geht in dem Buch um das Leben der Menschen vor Ort. Es darf aber dabei nicht in Vergessenheit geraten, wie alles begann: wie Deutschland den Luftkrieg angefangen hat. Ich war zur Recherche auch im Imperial War Museum in London, wo genau das auch gut dokumentiert ist. Allein in London sind 1940 schon 40 000 Menschen ums Leben gekommen; daran sollte bei allem Leid hier in Kassel auch immer erinnert werden.

Welche Erfahrungen hast du denn in London gemacht?

Siemon: Die Engländer waren sehr hilfsbereit. Und sie haben noch einen Band herausgeholt mit Bildern, die ich bisher noch nicht kannte. Auf die Idee, dort hinzufahren, hat mich im Übrigen Werner Dettmar gebracht, der den Luftkrieg in Kassel wie kein anderer erforscht hat. Bis zu seinem Tod war er ein brillanter Wegweiser und Ratgeber.

Du hast ja nicht das erste Mal über die Bombennacht geschrieben, sondern du begleitest das Thema seit Jahren. Hast du außer den Bildern aus London noch etwas Neues erfahren?

Siemon: Es gab ganz viele neue Einzelschicksale, von denen ich berichtet bekommen habe. Was mich dabei auch beeindruckt hat: Teilweise hatten diese Geschichten Schnittpunkte. Und man merkt dann dabei auch, dass vieles bis ins Detail stimmt, was die Leute da erzählen. Es haben zum Beispiel mehrere aus unterschiedlichen Perspektiven berichtet, dass rund um die Ziegengasse, die es heute nicht mehr gibt, alles gebrannt hat und alles kaputtgegangen ist. Da wird deutlich, wie klar die Erinnerung der Leute ist.

Hast du mehr als einmal Gänsehaut bekommen?

Siemon: Ja, immer wieder. Viele Ältere, meistens waren es Frauen, haben auch Bilder von ihren Brüdern gezeigt, die fast alle gefallen sind - gestorben in der Blüte ihres Lebens. Und die Bilder sind das Einzige, was in Erinnerung geblieben ist. Das ist sehr berührend und traurig.

Buch zur Bombennacht: "Trümmer, Tod und Tränen"

Ab sofort ist das HNA-Buch zur Bombennacht unter dem Titel „Trümmer, Tod und Tränen“ erhältlich. Es kostet 12,90 Euro und ist im Wartberg Verlag erschienen. Man bekommt es ab sofort im heimischen Buchhandel und ab Donnerstag in den HNA-Geschäftsstellen in der Kurfürstengalerie (Mauerstraße) sowie Frankfurter Straße 168 und ab kommender Woche auch in allen anderen HNA-Geschäftsstellen. 

In dem Band kommen in erster Linie Zeitzeugen zu Wort, die über ihre Erinnerungen an die Bombennacht berichten. Als am 22. Oktober 1943 nahezu die gesamte Kasseler Altstadt im Feuersturm unterging, starben damals 10 000 Menschen. 75 Jahre später soll daran erinnert werden. Das Buch bietet zahlreiche neue Fotos teilweise aus der Bombennacht und aus dem zerstörten Kassel in den Folgemonaten. 

Thomas Siemon: Trümmer, Tod und Tränen. Wartberg Verlag, 64 Seiten, 12,90 Euro.

Thomas Siemon

Thomas Siemon (59) hat bereits mehrfach über die Kasseler Bombennacht geschrieben und Bücher zur Kasseler Lokalhistorie veröffentlicht. Neue Zeitzeugenberichte zur Bombennacht und Recherchen in London sind Bestandteil der aktuellen Veröffentlichung. Der HNA-Redakteur arbeitet in der Kasseler Lokalredaktion, ist verheiratet und hat einen Sohn.

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