Junge Leute blieben fern

Kasseler erinnerten an die Bombennacht mit 10.000 Toten

Gestalteten das Gedenken: Die Schülerin Lena Ramm (v. li.), der 1948 geborene Gerald Greiner-Petter, die Psychologin Heidi Möller, Oberbürgermeister Bertram Hilgen, die 86-jährige Erika Steiner, der Perkussionist Olaf Pyras und Moderator Christoph Baumanns. Foto: Koch

Kassel. Als die Bomben vor 70 Jahren fielen, da war es ein genauso klarer Herbstabend gewesen wie am Dienstagabend. Wie in diese trügerische Ruhe der Schrecken platzte, davon zeugten die Berichte der Überlebenden, die bei der Gedenkveranstaltung zur Bombennacht in der Elisabethkirche zu hören waren.

Fast genauso nachdenklich stimmte eine Forderung des Oberbürgermeisters Bertram Hilgen, die bisherige Gedenkkultur zu verändern, damit sich auch die Jugend angesprochen fühle.

Über 300 Menschen waren zur Veranstaltung „Frieden durch Erinnerung“ in die Kirche gekommen. Beim Blick in die Sitzreihen wurde deutlich, dass sich nur die Kriegs- und die direkte Nachkriegsgeneration aufgemacht hatten, der 10 000 Toten der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 zu gedenken. Zu verstörenden Klängen des Perkussionisten Olaf Pyras tauchten die Anwesenden noch einmal ein in die Geschehnisse dieser Herbstnacht im Weltkriegsjahr 1943.

Moderator Christoph Baumanns las aus Kriegsprotokollen von Überlebenden, die ihre Verwandten das letzte Mal gesehen hatten, als brennende Balken auf diese stürzten. Und von Bestattern, die eine „rücksichtslose Beisetzung“ ohne Einzelgräber angeordnet bekamen und die nie die rot-blau angelaufenen Köpfe der Erstickungstoten vergessen konnten.

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In drei Gesprächen ließ Baumanns unterschiedliche Generationen zur Bombennacht und den Folgen zu Wort kommen: Erika Steiner (86) erzählte, wie sie als 16-Jährige durch das brennende Kassel stürzte und nach dieser Nacht die Kraft fand, weiterzumachen.

Das Nachkriegskind Gerald Greiner-Petter berichtete, wie für ihn die Trümmergrundstücke der Nachkriegszeit ein riesiger Abenteuerspielplatz waren und wie normal es für ihn war, in so einer unwirtlichen Umgebung aufzuwachsen.

Die 17-jährige Lena Ramm sprach davon, wie weit weg der Krieg für viele in ihrer Generation sei. Dabei sei die Erinnerung wichtig. „Ich bin jetzt so alt wie es Erika Steiner damals war. Ich kann mir nicht vorstellen, nach so einer Nacht, wie sie Frau Steiner erlebt hat, weiterzumachen“, sagte die Herder-Schülerin.

Die Psychologin Prof. Heidi Möller von der Uni Kassel nahm vor allem zu den Folgen Stellung, die der Krieg ausgelöst hat. Es seien heilende Gespräche mit den Kasselern in Alten- und Pflegeheimen nötig. Die Verarbeitung sei für viele Menschen so schwierig, weil sie als Deutsche Opfer und Täter zugleich seien. Aus den Erlebnissen des Krieges erwachse eine Verantwortung für die Flüchtlinge aus aktuellen Kriegen wie dem in Syrien.

Hilgen gab nicht den Jugendlichen die Schuld, dass sie gestern – mit wenigen Ausnahmen – nicht vertreten waren. „Es liegt nicht an der Jugend. Wir müssen das Gedenken ändern, die Art, wie wir es machen.“ Denn mit den Zeitzeugen dürfe nicht die Erinnerung sterben.

Von Bastian Ludwig

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