Interview mit Kasseler Historiker

Pogromnacht in Kassel: „Gauleitung hat es unterstützt“

Kassel. Über die Kasseler Pogromnacht, die bereits am 7. November 1938 stattfand, haben wir mit dem Historiker Prof. Dietfrid Krause-Vilmar (74) gesprochen.

Warum fanden die Ausschreitungen in Kassel zwei Tage früher statt als anderswo in Deutschland? War das eine Art Testlauf?

Krause-Vilmar: Dafür gibt es keinen Beleg. Verschiedene Forscher, ich auch, haben danach gesucht, aber nichts gefunden. Nach allem, was ich weiß, muss die hiesige Gauleitung die Ausschreitungen unterstützt haben. Gauleiter Weinrich hat sich damit gebrüstet, dass in Kassel der erste Stein geflogen sei.

Was genau ist vor 75 Jahren passiert?

Dietfrid Krause-Vilmar

Krause-Vilmar: In anderen Städten ist das durch Prozesse, die es nach dem Krieg gab, besser dokumentiert. In Kassel gab es so einen Prozess gegen die Beteiligten der Pogromnacht nicht. Wahrscheinlich war die örtliche Hitlerjugend beteiligt, es gab auch Hinweise auf die Beteiligung von SS-Leuten aus Arolsen.

Wie stark wurde die Synagoge zerstört?

Krause-Vilmar: Es wurde einiges zerstört. Bänke, Vorhänge und Schriftrollen wurden auf die Straße geworfen. Ein Feuerwehrmann hat aber mit einer List verhindert, dass das ganze Gebäude in Flammen aufging.

Wie das?

Krause-Vilmar: In seinem Einsatzbericht hat der Feuerwehrmann, er hieß Hofsommer, aufgeschrieben, wie er zunächst vergeblich versucht hat, sich durch die Menschenmenge zu drängen. In der Synagoge war ein Sofa angesteckt worden. Der Feuerwehrmann rief laut, dass Gas ausgetreten sei und Explosionsgefahr bestehe. Da ist die Menge rausgerannt, das Sofa konnte gelöscht werden.

Die Synagoge wurde also in dieser Nacht nicht zerstört. Wann war das?

Krause-Vilmar: Wenige Wochen später. Das Gebäude wurde durch eine Abbruchfirma abgetragen. Angeblich, weil man das Gelände als Parkplatz brauchte.

Gab es am 7. November weitere Ausschreitungen?

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Krause-Vilmar: Beschädigt wurden die jüdische Schule, Wohnhäuser und Geschäfte. Charakteristisch war die Zerschlagung der jeweiligen Inneneinrichtung. Trotz der Anfeindungen vorher hatte es so viel Aggression gegen Juden bis dahin nicht gegeben.

Welche Bedeutung hatten die Pogrome im November 1938?

Krause-Vilmar: Wenige Tage später wurden 258 jüdische Männer aus Kassel verhaftet und zusammen mit 695 weiteren aus dem Regierungsbezirk in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Bereits im Dezember 1938 gab es die ersten Todesmeldungen. Der Kasseler Kaufmann Julius Ascher und der Buchhalter Naphtalin Neumark, der ebenfalls in Kassel wohnte, waren die Opfer.

Von Thomas Siemon

Zur Person

Dietfrid Krause-Vilmar (74) ist in Marburg geboren, hat Geschichte, Politik und Erziehungswissenschaft studiert und war ab 1975 drei Jahrzehnte lang Professor an der Kasseler Universität. Der Historiker ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er ist Mitbegründer der Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen und Herausgeber der Schriftenreihe „Nationalsozialismus in Nordhessen“. Zusammen mit Jörg Kammler hat er das Buch „Volksgemeinschaft und Volksfeinde - Kassel 1933 bis 1945“ geschrieben. (tos)

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