Vor 75 Jahren: Angriffe auf jüdische Einrichtungen

Pogromnacht: Zeitzeugen aus Kassel erinnern sich

Kassel. Zwei Tage früher als in anderen deutschen Städten gab es in Kassel am 7. November 1938 eine Pogromnacht, bei der die Synagoge und andere Einrichtungen der jüdischen Gemeinde verwüstet wurden. Nach unserem Aufruf haben sich Zeitzeugen gemeldet, deren Schilderungen wir in Auszügen veröffentlichen:

Werner Becker (85) hat als Kind die Zerstörungen an der Großen Rosenstraße, wo sich die israelische Schule und die othodoxe, kleine Synagoge befanden, gesehen. Seine Großeltern lebten dort im Hinterhaus. Er schreibt:

Das Bild, was sich uns bot, als ich mit meinen Eltern erstmals nach dem Überfall meine Großeltern besuchte, kann ich bis heute nicht vergessen. Alle Fensterscheiben waren eingeschlagen. Das Mobiliar der Verwaltung lag zerbrochen auf dem Hof. Aus den Klassenräumen wurden alle Schulbänke, Katheder, Schränke, Kartenständer und sogar ein Harmonium durch die Fenster in den Schulhof geworfen. Die Türen und Fenster der Synagoge waren zerschlagen, die Betstühle und andere Kultgegenstände auf den Hof gezerrt und das Innere verwüstet.

Das Hinterhaus und die Remise gegenüber (die Werkstatt meines Großvaters) wurden nicht beschädigt. Das Hausmeisterehepaar Meyer überlebte die Schreckensstunden versteckt auf der Toilette meiner Großeltern. Die Trümmer lagen auf dem gesamten Schulhof bestimmt zwei bis 2,5 Meter hoch. In den Tagen danach mussten Gänge frei geräumt werden, um die Häuser vom Hof her betreten zu können. Meine Eltern wohnten mit mir in der Orleansstraße 12 / Ecke Grüner Weg.

In dem vierstöckigen Haus befand sich in der zweiten Etage das Schuhgeschäft des jüdischen Schumachers Adolf Spier. Auch dieses Geschäft wurde geplündert, die Scheiben eingeschlagen und der Warenbestand auf die Straße geworfen. Das johlende Volk hat die Schuhe ganz schnell „entsorgt“. An den Krach und die Aufregung in der Nacht kann ich mich gut erinnern.

Willi Bäcker (83) schreibt:

Ich war damals als achtjähriger Junge mit meiner Mutter zu ihrer Arbeitsstelle an der Gießbergstraße unterwegs. Als wir die Bremer Straße / Ecke Untere Königsstraße passierten, sah ich die Synagoge. Es roch nach Qualm. Viele uniformierte SA-Männer und auch Zivile hantierten wild herum. Als Achtjähriger wusste ich, dass das Gebäude, aus dem der Rauch kam, eine jüdische Kirche war. Unser Weg weiter durch die Jägerstraße führte uns an einem zerschlagenen Schaufenster vorbei, vor dem auf der Straße zerbrochenes Mobiliar lag.

Am Ende der Gießbergstraße hatte man eine große Menge jüdischer Menschen zusammengetrieben. Als „gebranntes Kind“ eines seit 1935 inhaftierten Vaters (kommunistischer Funktionär) hatte ich eine Ahnung, was hier vorging, und empfand die Situation als beängstigend und dramatisch.

Hans Germandi (87) erinnert sich:

Am Morgen danach war ich auf dem Weg zur Schule am Wall. Das muss so gegen 7.30 Uhr gewesen sein. Der Schulweg führte an der Synagoge entlang. Durch die Tür konnte man sehen, dass der Innenraum verwüstet war, der Thoraschrein und andere Gegenstände lagen auf der Straße. Es standen immer noch zwei Dutzend SA-Männer in Uniform und in Zivil herum. Richtung Müllergasse hat die Thorarolle auf der Straße gelegen. Von den Leuten, die unterwegs waren, hat sich keiner getraut, etwas zu sagen.“

Theo Ellesat (88), der damals beim Reichsarbeitsdienst war, berichtet:

Wir sind alle raus, auf die Fahrräder und los zur Synagoge gefahren. Da standen schon mehrere Hundert Menschen, die sich das angucken wollten. Wir als Kinder und Jugendliche haben uns durch die Menschenmenge ganz nach vorn gemogelt. So standen wir ganz vorn, hinter der Absperrung von SA und SS. Und plötzlich ging an der brennenden Synagoge die Türe auf und heraus kam ein alter Mann mit langem, weißem Bart und Kippa. Er wollte die Thorarolle retten. Zwei Männer stürzten sich auf den Mann, rissen ihn zu Boden und traten ihn mit den Stiefeln in den Bauch.

Horst Frank (79) schreibt:

Wir haben in der Bremer Straße 5 gewohnt. Meine Eltern führten in dem Haus die Gaststätte „Stadt Berlin“. Meine Mutter hatte mich und meinen Bruder Kurt zu Bett gebracht. Von der Synagoge, die nur wenige Meter von unserem Haus entfernt war, hörten wir den Lärm der Zerstörungswut und etwas später einen lauten Knall. Meine Mutter schrie: ,Jetzt hat die SA die Orgel umgeworfen.‘“

Rubriklistenbild: © Eberth

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