Architekturstudent ließ vor Zeitzeugen historische Straßenansichten virtuell lebendig werden

Virtueller Rundgang durch das alte Kassel

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Am Töpfenmarkt in den 1920er-Jahren: Lucie Gütteler (damals Pozinski) mit ihrem Bruder.

Kassel. Es ist ein kleines Wunder. Fast 70 Jahre nach der Zerstörung des alten Kassels im Zweiten Weltkrieg kann man zumindest am Computer wieder durch die Straßen und Gassen der Altstadt gehen.

Am Montag präsentierte der Architekturstudent Pierre Manuel Pelz sein Ergebnis von vier Jahren akribischer Arbeit im Wissenschaftszelt der Universität auf dem Hessentag. Eigentlich sollte die Vorführung erst um zehn Uhr losgehen. „Die ersten waren schon eine halbe Stunde vorher da“, sagt Prof. Alexander Eichenlaub, der das Projekt betreut.

Zu den fachkundigen Besuchern gehörte auch Hans Germandi (87), der sich seit Jahr und Tag um die Erinnerung an das alte Kassel kümmert und seine Diavorträge im Prinzip genauso aufgebaut hat wie der 55 Jahre jüngere Student. Kein Wunder, dass sich die beiden sofort über den virtuellen Rundgang durch Kassel austauschten. „Das ist doch der Altmarkt Nummer 1, das Kommunistenhaus, hier geht es zur Entengasse runter, da ist der Eingang zum alten Pfarrhaus“, sprudelt es aus Hans Germandi heraus. Noch fehlen rund um den Altmarkt einige Häuseransichten. „Der Anfang ist gemacht, es gibt aber noch jede Menge zu tun“, sagt Pierre Manuel Pelz. 2000 Bilder hat er bislang für die ersten Etappen des Rundgangs bearbeitet. „Das ist beeindruckend, und es stimmt alles“, sagt Hans Germandi, der jeden Winkel der Altstadt noch vor seinem geistigen Auge hat.

Tauschten sich am Stand der Universität auf dem Hessentag über das alte Kassel aus: Pierre Manuel Pelz (32) hat den virtuellen Rundgang entwickelt, Hans Germandi (87) kennt den Altmarkt mit den Fachwerkhäusern noch aus seiner Jugend.

Auch Lucie Gütteler (93) kennt ihre Heimatstadt aus den Zeiten, als Fachwerkhäuser das Bild dominierten. Am Töpfenmarkt ist sie aufgewachsen. Dort ist Ende der 1920er-Jahre ein Foto von Lucie mit ihrem Bruder und einem Kinderwagen aufgenommen worden.

Sie hat die Aufnahme und eine von den Häusern am Töpfenmarkt zum Stand der Uni am Ständeplatz mitgebracht. „Vielleicht kann man das ja noch gebrauchen“, sagt sie. Lange lässt sie sich von Pierre Manuel Pelz am Computer durch die Altstadt mit den Bildern ihrer Jugend führen. „Das war die schönste Zeit meines Lebens“, sagt sie. Auch der Student ist beeindruckt. „Ich hätte nie gedacht, dass so viele Menschen das sehen wollen“, sagt er. Zusammen mit Alexander Eichenlaub will er jetzt versuchen, einen zweiten Präsentationstermin auf dem Hessentag anzubieten. Noch steht das nicht fest. Wenn es klappt, wird die HNA den Termin ankündigen.

Von Thomas Siemon

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