Erinnerung an den 22. Oktober 1943

Tagebuch der Zerstörung: 16-Jähriger notierte das Grauen nach der Bombennacht

Zerstörung so weit das Auge reicht: Kurz nach Kriegsende hat der Trümmerfotograf Walter Thieme diese Aufnahme vom Turm der Lutherkirche Richtung Martinskirche (links im Bild) gemacht. Foto:  Stadtmuseum/nh

Kassel. Zum 71 Jahrestag der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 veröffentlichen wir zum ersten Mal Tagebuchnotizen des damals 16-jährigen Gebhardt Niemeyer, der die Zerstörung am Tag danach akribisch dokumentiert hat.

Auf diese außergewöhnliche Quelle hat uns der Kasseler Luftkriegsexperte Werner Dettmar (87) aufmerksam gemacht. Er kannte Gebhardt Niemeyer persönlich, beide wurden als Schüler eingezogen und waren Flakhelfer einer Stellung in Obervellmar.

Jede freie Minute habe Gebhardt Niemeyer für seine Aufzeichnungen genutzt, erinnert sich Werner Dettmar. Er hat die Zerstörung Kassels ebenfalls als 16-Jähriger miterlebt, zu seinem Archiv gehört eine eine Kopie der Tagebuchaufzeichnungen. „Da stimmt alles, nichts wurde hinzugefügt oder anders dargestellt als es war“, sagt Dettmar. Er hat dafür gesorgt, dass die Witwe von Gebhardt Niemeyer das Original des Tagebuchs dem Kasseler Stadtarchiv zur Verfügung gestellt hat. Niemeyer hat als Apotheker in Obervellmar gearbeitet und ist vor einigen Jahren gestorben. Ein Foto, das ihn als jungen Flakhelfer zeigt, gibt es nicht.

Werner Dettmar

Wer wissen will, wie Kassel vor der Zerstörung aussah, kann sich das im Internet im HNA-Spezial zur Bombennacht ansehen. Die Straßen, die Gebhardt Niemeyer in einen Aufzeichnungen nennt, findet man dort auf einer interaktiven Karte.

„Überall die furchtbaren Brände“

Am Tag nach der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 war der 16-jährige Flakhelfer Gebhardt Niemeyer zunächst mit einem Militärfahrzeug und dann zu Fuß in der zerstörten Stadt unterwegs. Hier Auszüge aus seinen Tagebuchnotizen:

„Wir müssen eine Umleitung fahren, ein Blindgänger blockiert die Holländische Straße. Und was man sieht: Zertrümmerte Häuser, heruntergebrannt bis unten hin. Soweit die Fassaden nicht zusammengestürzt sind, ragen sie mit rauchgeschwärzten Fensterhöhlen in den Himmel. Die Straßen größtenteils verschüttet, für den Verkehr notdürftig freigeschaufelt, und alles bedeckt mit einer dicken, rötlichen Staubschicht, die in dichten Wolken aufgeweht wird.

Schüler als Sodaten: Kasseler Flakhelfer um 1943. Foto:  Archiv/Dettmar

Donnernd und holpernd fährt der Wagen über Schuttberge. Überall brennt es noch, überall Löschmannschaften, überall Menschen, verschmutzt, verdreckt, mit aufgelösten Haaren, mit kleinen, geröteten Augen, verstaubten und zerschlissenen Kleidern. So geht die Fahrt am Hauptfriedhof vorbei, der Blick zum Holländischen Platz gibt nur Trümmer frei, verheerend. Durch die Mombachstraße, nur Trümmer und nochmals Trümmer. So geht es nach Rothenditmold. Und hier dasselbe: Trümmer, Trümmer! Zwischen den Häusern herrscht eine fast unerträgliche Hitze. Qualm steigt hoch, der Staub, Alles wirkt furchtbar auf Augen, auf Lungen und auf die Seele.

Entstellte Menschen, kaum zu erkennen, begegnen uns. Weiter durch die unversehrte Schenckendorffstraße. Dann geht es durch die Kölnische Straße, durch die Parkstraße zur Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße). Überall nur Trümmerfelder, die Häuser bis unten hin zerstört. Soweit ich die Hohenzollernstraße entlang sehen kann, nur Trümmer und Brände und dann verliert sich alles weitere im Rauch und Qualm und Staub.

Mehr zur Bombennacht finden Sie auch im Regiowiki.

So komme ich auf die Kronprinzenstraße (heute Friedrich-Engels-Straße): Alles vernichtet, rechts und links. Am schrecklichsten ist, dass ich den unteren Teil der Straße gar nicht mehr finde. Keine Fassaden mehr, man sieht nur Trümmer. Geradeaus fällt der Blick auf das schwer beschädigte Polizeipräsidium, teilweise ausgebrannt bis zum Erdgeschoss. Ich gehe um die Ecke herum. Dann stehe ich vor unserer völlig ausgebrannten Wohnung: Königstor 32. Etwas aus dem Keller zu retten, ist noch nicht möglich, denn das Haus brennt ja noch...

Tod und Vernichtung

Karthäuserstraße, Jordanstraße, überall die furchtbaren Brände. Hohenzollernstraße - Postamt zerstört, Ständeplatz: Landeskreditbank, Ständehaus, Hotel Schirmer, Bahnhofsplatz mit völlig ausgebranntem Bahnhofsgebäude, Lutherplatz, Lutherkirche; ja es ist einfach alles zerstört und ausgebrannt. Ich komme durch die Untere Königsstraße, ich erstarre fast: Tod und Vernichtung! Ich komme immer mehr zu dem Schluss: Kassel ist nicht mehr! Kassel ist in dieser grauenvollen Nacht dem Erdboden gleichgemacht worden.“

Von Thomas Siemon

In der gedruckten Ausgabe am Mittwoch lesen Sie außerdem:

- Rundgang auf Spuren der NS-Zeit

- Gedenken an die Opfer der Bombennacht

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