Inge Roscher wurde am 22. Oktober 1943 zehn Jahre alt

„Es roch nach Bratäpfeln“: Wie eine Zeitzeugin am Tag der Bombennacht Geburtstag feierte

+
Die Straßenbahn und ansonsten kaum Verkehr: So hat Inge Roscher die Wilhelmshöher Allee aus der Vorkriegszeit in Erinnerung. Damals konnten die Kinder noch auf der Straße spielen.

Zeitzeugin Inge Roscher erlebte am 22. Oktober 1943 nicht nur die Bombennacht in Kassel - sie wurde an diesem Tag auch zehn Jahre alt. Erinnerungen an einen Kindergeburtstag in Zeiten des Krieges.

Wenn Inge Roscher erzählt, ist das auch eine Zeitreise durch Wilhelmshöhe. Ihr Elternhaus stand an der Wilhelmshöher Allee 290. „Da ist heute das Hotel Schweizer Hof“, sagt sie. Sie ging auf die Wilhelmshöher Schule, die heute Reformschule heißt. Ihre Mutter arbeitete bei der Post an der Rolandstraße, wo heute immer noch eine Postfiliale ist. Und ihre Schulhefte holte sie bei Schwedes. Auch dieses Geschäft gibt es noch.

Auf den 22. Oktober 1943 hatte sie sich besonders gefreut. Nicht nur, weil das ihr zehnter Geburtstag war. „Wir durften zum ersten Mal in der Schule mit Wasserfarben malen, die gab es bis dahin nicht“, sagt sie.

Morgens stand wie immer ihre Freundin Renate vor der Tür, mit der sie bis zur Schule ging. Die anderen Kinder haben für sie „Bunt sind schon die Wälder“ gesungen. Sehr schön sei das gewesen. Nachmittags gab es dann Kartoffeltorte. Ihre Mutter hatte Pellkartoffeln gekocht. Dazu kamen Eier, Zucker und Fett. Der im Ofen gebackene Kuchen wurde dann aufgeschnitten. „Zum Schluss kam noch Pudding drauf, das war lecker.“

Dann ging es raus. Damals habe man noch auf der Wilhelmshöher Allee Hickelhäuschen spielen können. Nur selten sei da mal ein Auto gefahren. Am frühen Abend dann sollte sie sich langsam bettfertig machen. Ein Köfferchen mit ihren wichtigsten Sachen und den Schulranzen hatte sie immer griffbereit. Für den Fall, dass sie mal wieder in den mit Eisentüren gesicherten Luftschutzkeller ein paar Häuser weiter mussten. Große Sorgen hat sich das Geburtstagskind nicht gemacht, als es am frühen Abend einen Voralarm gab. Das kam schließlich häufiger vor. Wenn sie nachts raus musste, dann begann die Schule am nächsten Morgen erst um zehn Uhr. So schlecht fand sie die Vorstellung nicht.

Doch diesmal sollte es sehr viel schlimmer kommen als bei allen Bombenangriffen zuvor. Den Geburtstagskuchen hatten Mutter und Tochter mit in den Keller genommen. Alle, die dort Schutz suchten, gratulierten dem Geburtstagskind. Richtig gemütlich sei das zunächst noch gewesen. Doch dann hörten die Menschen im Keller immer deutlicher ein bedrohliches Brummen. „Meine Tante ist noch mal vor die Tür gegangen und hat nachgesehen, was los ist“, erinnert sich Inge Roscher. Der ganze Himmel, das habe die Tante berichtet, sei voller Christbäume gewesen. So nannten sie die leuchtenden Zielmarkierungen, die die Vorboten der Bombenabwürfe waren.

Aus Richtung Herkules seien die Bomber gekommen, und dann hörte man die ersten Einschläge. „Ich kann mich an vieles sehr genau erinnern, aber nicht daran, wie lange wir im Keller saßen“, sagt Inge Roscher. Als das Krachen und die berstenden Geräusche in der direkten Nachbarschaft endlich etwas nachließen, schauten sie vorsichtig nach, wie es draußen aussah. „Direkt neben uns brannte das vierstöckige Haus Meudt lichterloh“, sagt Inge Roscher. Das Traditionsgeschäft für Haushaltswaren und Spielzeug stand auf dem Grundstück des heutigen Atriums in der Nähe des Wilhelmshöher Bahnhofs. In ein nasses Betttuch gehüllt rannte die Zehnjährige mit ihrer Mutter über die Straße.

Gegenüber sah sie einen Nachbarn, der auf dem Balkon seines brennenden Hauses zusammengebrochen war. „Das war der Herr Jäger, der wollte noch Sachen aus seiner Wohnung retten und ist in den Flammen gestorben“, sagt sie.

Mit ihrer Mutter hat sie sich bis zu ihrem Elternhaus durchgeschlagen, das in dieser Nacht noch verschont blieb. Erst bei einem späteren Angriff wurde es zerstört. Irgendwann ist die zehnjährige Inge dann eingeschlafen.

Der Kiosk ist Geschichte, den Laden gibt es heute noch: Bei Schwedes hat Inge Roscher in Wilhelmshöhe ihre Schulhefte gekauft.

Müde war sie am nächsten Morgen, aber auch froh, dass ihre Freundin Renate sie wie immer abholte. Als sie die Wilhelmshöher Allee Richtung Schule gingen, war nichts mehr wie am Tag zuvor. Überall saßen am Straßenrand ausgebombte Menschen, Mütter mit ihren Kindern. „Viele waren ganz schwarz im Gesicht“, erzählt Inge Roscher. Und noch etwas ist ihr in Erinnerung geblieben.

Viele Nachbarn hätten in ihren Kellern Lebensmittel wie Kartoffeln und Obst gelagert. Am Tag nach dem Bombenangriff habe es an der Wilhelmshöher Allee nach Bratäpfeln gerochen.

Die beiden Mädchen waren an diesem Tag nicht die einzigen, die zum Unterricht wollten. Auf dem Schulhof habe ihre Lehrerin mit vielen anderen Kindern gewartet. Vor qualmenden Trümmern. Die Hälfte des Schulgebäudes war zerstört, der Klassenraum von Inge Roscher allerdings noch halbwegs intakt. Die Lehrerin sorgte dafür, dass die Kinder ihre in einem Schrank verstauten Hefte bekamen. Dann schickte sie sie nach Hause.

Alle Informationen, Zeitzeugenberichte und Hintergründe finden Sie auch in unserem Bombennacht-Spezial

In unserer Veranstaltung auf Facebook begleiten wir zudem den 75. Jahrestag der Nacht, in der über 10.000 Menschen in Kassel ums Leben kamen. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.