Selbst die Straße brannte

Bombennacht am 22. Oktober 1943: „Alles versank im Flammenmeer“

Nur noch Trümmer: So sah es auf dem Friedrichsplatz am Tag nach der Bombennacht aus. Im Vordergrund sind Überlebende mit ihren geretteten Habseligkeiten zu sehen, hinten die Ruinen an der Oberen Königsstraße. Foto:  Stadtarchiv/nh

Kassel. Vor 72 Jahren am 22. Oktober 1943 ging die Kasseler Altstadt in der Bombennacht und dem anschließenden Feuersturm unter. Wir haben mit einem Zeitzeugen gesprochen.

Videos und Fotos vom alten Kassel und der zerstörten Stadt finden sie in unserem Spezial

Der 22. Oktober 1943 war ein schöner und klarer Herbsstag. Die Türme der Martinskirche ragten in einen fast wolkenlosen Himmel. Auch wenn es schon eine ganze Reihe von schweren Luftangriffen gegeben hatte, ahnte niemand, was in dieser Nacht auf Kassel zukommen würde. Günter Boller war damals acht Jahre alt. Er wohnte mit seiner Mutter und dem sieben Monate alten Bruder am Franzgraben (Wesertor). Auch sein Vater war zuhause. Er hatte nach einem Lazarettaufenthalt einige Tage Fronturlaub. Günter Boller erinnert sich, dass er an diesem Tag wie immer zur Schule am Unterneustädter Kirchplatz gegangen ist.

Was er bis zum Abend gemacht hat, weiß er nicht mehr. Kurz nach 20 Uhr habe es dann wieder einmal Fliegerlarm gegeben. „Wie üblich gingen wir in den Luftschutzkeller des fünfstöckigen Hauses“, erinnert er sich.

Zusammen mit dem Vater und einigen Männern ging der Achtjährige noch einmal kurz vor die Haustür. „Man hörte ein fernes Brummen, das allmählich näher kam und sich zu einem gewaltigen Dröhnen steigerte“, erinnert er sich. Die Zielmarkierungen - Christbäume genannt - hat er noch am Himmel gesehen, dann ging es zurück in den Keller.

Aktualisiert: 
12.30 Uhr

Gegen 20.50 Uhr habe dann das Inferno begonnen. Pausenlos im Abstand von kaum einer Sekunde seien ringsum Bomben explodiert. Einige Male habe es noch gewaltige Detonationen durch Luftminengegeben, die diese fürchterliche Geräuschkulisse noch übertönten. Bis heute hat Boller das Zischen und Heulen der herabstürzenden Bomben im Ohr - gefolgt von einem gewaltigen Krachen. „Ich saß zwischen Vater und Mutter, die mich fest umschlungen hielten, als wenn sie mich so schützen könnten“, sagt er.

Brennende Häuser

Günter Boller

Irgendwer hatte einen großen Stein als Schutz von außen vor das Kellerfenster gelegt. Der wurde vom Druck einer nahen Detonation weggerissen. Durch die Öffnung habe man den rötlichen Feuerschein der ringsherum brennenden Häuser sehen können. Immer wieder explodierten in der Nähe Bomben. Hätte das Haus am Franzgraben einen Volltreffer abbekommen, wäre der Keller so wie bei vielen anderen zum Grab geworden. Riesiges Glück habe man gehabt, sagt Günter Boller. Direkt vor dem Eingang des Hauses lag eine nicht detonierte Bombe, ein Blindgänger.

Als das Krachen der Bomben nach einer gefühlten Ewigkeit aufhörte, wagte er zusammen mit den Erwachsenen einen Blick nach draußen. „Ich musste fassungslos mit ansehen, wie meine kleine Welt im Flammenmeer versank“, sagt er. Die Häuser in der Nachbarschaft und an einigen Stellen sogar der Straßenbelag, alles habe gebrannt. Dem Bombenhagel sei ein fürchterlicher Feuersturm gefolgt. Obwohl das Haus der Familie Boller stehen blieb, war es nicht mehr bewohnbar. „Wir wurden nach Ostheim - (heute Schwalm-Eder-Kreis) - evakuiert“, sagt Günter Boller.

Der 80-Jährige lebt heute am Jungfernkopf.

Weiterer Zeitzeuge berichtet

Flakscheinwerfer am Himmel: Als kleiner Junge besuchte Alfred Bäcker seinen Vater in der Flakstellung

Kasseler Luftwaffenhelfer: So sah auch die Flakstellung in Helleböhn aus.

Am Tag vor der Bombennacht hat der knapp fünfjährige Alfred Bäcker zusammen mit seiner älteren Schwester den Vater in dessen Flakstellung in Helleböhn besucht. „Das war zwischen der heutigen Holzhandlung Jordan und der Bahnlinie“, erinnert er sich. Von Immenhausen fuhren die Geschwister mit der Bahn nach Kassel. Aneinen Luftwaffensoldaten mit einer Ziehharmonika erinnert sich Alfred Bäcker noch. Der habe für ihn gespielt und ihm dann die ersten Töne von „Hänschen klein“ beigebracht. Die Soldaten führten dem kleinen Jungen ihr Flakgeschütz vor. „Ich durfte an kleinen Kurbeln drehen, dann war ein Summton zu hören“, sagt er.

Als die Geschwister mit der Bahn nach Hause fuhren, wurde es schon dunkel. In Immenhausen angekommen, habe man bereits die Flakscheinwerfer am Abendhimmel gesehen. Die Nacht verbrachten die Kinder zusammen mit der Mutter und den Nachbarn im Luftschutzkeller. Der Vater des Hauswirts sei immer wieder hochgegangen und habe aus dem Dachfenster geschaut. Er berichtete von dem furchtbaren Angriff auf Kassel. Im Morgengrauen habe die Straße voller Feuerwehrleute gestanden, die alle zum Einsatz in die Stadt abkommandiert waren.

Wenige Tage später besuchten die Geschwister ihren Vater erneut. „Ich war schockiert vom Anblick der Trümmerberge überall auf dem Weg“, sagt Alfred Bäcker. Das werde er nie vergessen. Alfred Bäcker wird im November 77 und wohnt in Immenhausen.

Zwischen dem 22. Juni 1940 und dem 21. März 1945 erlebte Kassel 40 Luftangriffe mit 12 000 Toten. Der schlimmste war der vom 22. Oktober 1943. In dieser Nacht kamen 10 000 Menschen ums Leben, fast die komplette Altstadt wurde zerstört. „Mehr als 400 000 Brandbomben hatten die Brände entfacht, und die mehr als 1000 Jahre alte Stadt zerstörte sich nun von selbst“, schreibt der Kasseler Luftkriegsexperte Werner Dettmar in seinem Buch über die Bombennacht. Um 20.17 Uhr gab es damals Fliegeralarm, um 21.30 Uhr verließen die letzten der 400 britischen Bomber den Kasseler Luftraum.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.