HNA-Serie: Erinnerungen von Gisela Baumert

„Die ganze Stadt brannte lichterloh“: So erlebte eine Kasselerin als junge Frau die Bombennacht

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Tochter und Vater: Das Foto entstand im Garten des Wohnhauses an der Mönchebergstraße.

Kassel. Als junge Frau erlebte Gisela Baumert (heute 94) die Bombennacht im Haus ihrer Eltern an der Mönchebergstraße 31 (Wesertor).

Sie hat ihre Geschichte bis zum Kriegsende teilweise aufgeschrieben und teilweise erzählt. Wir dokumentieren sie in längeren Auszügen.

Zur Zeit des Fliegerangriffs vom 22./23. Oktober 1943 war ich 19 Jahre alt und wohnte mit meinen Eltern in deren Haus an der Mönchebergstraße 31. Heute bin ich 94 Jahre alt. Mein Vater war schon seit dem 1. September 1939 laut Mobilmachungsstelle morgens um 5 Uhr eingezogen zur Wehrmacht. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er ein Fuhrunternehmen mit sieben Lastwagen. Er, die Fahrer der Fahrzeuge und die Lkws. Alles gehörte zur Mobilmachung. Das war für meine Mutter und mich ein Schock. Noch im Frieden hatten wir als Unternehmer an alle Bewohner je zwei Eimer Sand ausgeliefert. Mein Vater als Fahrer, meine Mutter als Schipper, das war zur Sicherheit so angeordnet worden. Das kostete 90 Pfennig.

Die junge Frau: So sah Gisela Baumert 1943 aus. Fotos:  Privat

Mein Vater war als Soldat in Frankreich stationiert und am 22./23. Oktober 1943 gerade auf Urlaub zu Hause. Bei Alarm gingen wir drei in den Keller. Am Himmel waren die sogenannten Christbäume zu sehen, die alles erhellten und Fluggeräusche und Einschläge in der Ferne zu hören. Wir waren gewarnt und ließen alles mit Herzklopfen über uns ergehen.

Auf die Zeit im Luftschutzkeller und die Angst bei Einschlägen in der Nähe geht die 94-Jährige nicht näher ein.

Nach Stunden wagten mein Vater und ich uns nach oben. Es waren gespenstige Bilder. Der Himmel war rot gefärbt, und die ganze Stadt brannte lichterloh. Funken so groß wie ein Tennisball flogen durch die Luft. Mein Kleid bekam einige Löcher davon. Wir sahen, dass unser Haus brannte. Die Wasserleitungen waren zerstört. Hilflos mussten wir mit ansehen, wie unser Haus niederbrannte. Die beiden Nachbarhäuser – ein Pfarrhaus und ein Mehrfamilienhaus – waren nicht betroffen. Aber es konnte uns keiner helfen.

In einer HNA-Serie erzählen Kasseler von ihren Erinnerungen an die Bombennacht.

Im Krankenhaus behandelt

Mein Vater und ich, wir versuchten, aus unserer Wohnung im Erdgeschoss zu retten, was wir für wichtig hielten, und in den Keller zu bringen. Dann saßen wir an der Straße auf dem Bordstein und glaubten, blind zu sein. Wer uns in das nahe gelegene Krankenhaus zur Behandlung brachte, weiß ich nicht mehr. Von dort wurde mit meiner verheirateten Schwester in Villingen im Schwarzwald telefoniert. Und mit dem Bruder meiner Mutter in Großalmerode, der uns in seinem Haus ein Zimmer zur Verfügung stellte.

Die im Keller des stark beschädigten Hauses an der Mönchebergstraße deponierten Habseligkeiten der Familie wurden kurze Zeit später zerstört. Mehrere Tage nach dem 22. Oktober ging noch eine Bombe hoch. Das kam häufiger vor. Teilweise waren das Blindgänger, teilweise Bomben mit Zeitzünder.

Mein Vater hatte in seinem Fronturlaub einen alten Faun-LKW ergattert. Dessen Antrieb war ein Holzvergaser. Dafür wurden säckeweise kleine Holzstücke verwendet, um ihn in Gang zu bringen. Besser kann ich das nicht beschreiben. Damit transportierte er uns nach Großalmerode. Meine sehr kranke Mutter, die vier Wochen später starb, blieb in Großalmerode. Mein Vater und ich fuhren nach Kassel. Nach dem Tod meiner Muter war ich Halbwaise – volljährig wurde man damals mit 21.

Bis zum Kriegsende waren es nach der Bombennacht noch anderthalb Jahre. Mit ihrem Vater schlug sich Gisela Baumert durch.

Mein Vater ließ sich mit dem Holzlaster bei den Junkers-Flugzeugwerken in Kassel zum Kriegsdienst verpflichten. Mein Werdegang: Abschluss in der Höheren Handelsschule Kassel, danach Arbeitsdienst in Großenlüder, dann Kriegsdienst beim Landesernährungsamt in Kassel an der Humboldtstraße bis 1945. Allerdings wurden wir dort ausgebombt, zogen ins Auefeld an die Wittichstraße (die heißt heute Heinrich-Heine-Straße). Wir durften die Büros aber bei Voralarm noch nicht verlassen – erst beim Hauptalarm. Dann rannten wir in Richtung Weinbergbunker. Dort waren Menschenschlangen vor den schweren Eingangstüren. Wir wurden durch Tiefflieger beschossen.

Im Bunker war die Beleuchtung ausgefallen. Notstrom wurde durch Drehen an Apparaten mit Hand erzeugt – gespenstisch. Mensch an Mensch im Dunkeln. Über uns hörten wir Bomben einschlagen. Aber wir haben überlebt. Auch in der Wittichstraße wurden wir ausgebombt und zogen mit dem Amt in die frühere Reinhardswaldschule in Simmershausen.

In Helsa Dach über dem Kopf

Inzwischen hatten mein Vater und ich in Helsa im Haus von dem Direktor der Basaltwerke zwei Zimmer zugewiesen bekommen. Eins im Erdgeschoss und eins im Dachgeschoss. Wir fuhren täglich von Helsa nach Kassel und abends wieder zurück. Ich kochte uns, was immer wir gerade organisiert hatten.

Von Helsa kommend nahmen wir in Oberkaufungen das erste Grüppchen Menschen auf. Alle hinten auf der Pritsche. In Niederkaufungen wiederholte sich das. Am Bauhof Bettenhausen mussten wir aussteigen. Denn mein Vater musste seinen Dienst bei Junkers antreten.

75 Jahre später: Aus der jungen Frau von damals ist eine rüstige Rentnerin von 94 Jahren geworden. Foto:  Thomas Siemon

Zu Fuß gingen dann alle (zwischen zehn und 15 Personen) in Richtung Hauptbahnhof in der Hoffnung auf einen Bus nach Simmershausen. Manchmal kam einer. Meistens aber machten wir uns zu Fuß auf den Weg durchs Schocketal. Es wurde sich eifrig unterhalten und oft sogar gesungen. Wir hatten ja schon viel Schlimmeres erlebt.

In Helsa befand sich ein Panzerwerk. Das war kurz vor dem Kriegsende bombardiert worden. Wir waren dort also nicht mehr sicher. Zwischenzeitlich hatten die Junkers-Werke in Helsa auf einem Grundstück gegenüber vom Schwimmbad fünf kleine Einfamilienhäuser für ihre leitenden Angestellten gebaut. Eins davon hatte mein Vater gekauft, und wir lebten darin.

Einige Tage vor dem Kriegsende luden wir Matratzen und das Nötigste auf den Lkw und begaben uns in das nahe gelegene Lautenbachtal im Wald auf dem Berg.

Im Lautenbachtal erlebten Vater und Tochter das Kriegsende. An der Stelle des zerstörten Hauses der Familie an der Mönchebergstraße wurde wieder gebaut. Hier befindet sich heute ein Studentenwohnheim. Unsere Zeitzeugin ist Witwe und hat zwei erwachsene Söhne.

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