Augenzeuge berichtet von Bombennacht: "Nichts mehr übrig"

Das ganz Ausmaß der Zerstörung: Die Aufnahme hat der Trümmerfotograf Walter Thieme kurz nach Kriegsende vom Turm der Lutherkirche gemacht. Links sind die Türme der Martinskirche, rechts der Druselturm und daneben das ehemalige Feinkostgeschäft Chartier zu sehen.

Kassel. Nach 40 Luftangriffen, darunter die verheerende Bombennacht vom 22. Oktober 1943, war Kassel bei Kriegsende eine Ruinenstadt. Wie haben die Menschen damals überlebt?

Wo konnte man überhaupt wohnen? Darüber und warum es Kassel so schwer getroffen hatte, haben wir mit einem Augenzeugen gesprochen. Werner Dettmar, Jahrgang 1927, ist in Kassel aufgewachsen und hat mehrere Bücher über die Zerstörung der Stadt geschrieben.

Sie sind am Holländischen Platz aufgewachsen. Wie sah es dort nach dem Krieg aus? 

Werner Dettmar: Von der Stadt meiner Kindheit war so gut wie nichts mehr übrig. Vom Holländischen Platz bis hinunter ans Fuldaufer waren fast alle Gebäude zerstört.

Wo konnte man eigentlich noch wohnen? 

Dettmar: Das war ein großes Problem. Unsere Familie wurde zweimal ausgebombt. Erst am Holländischen Platz, später an der Königsstraße. Wir hatten dann alle zusammen ein Zimmer in der Wohnung meiner späteren Schwiegereltern im Hoelkeschen Haus.

Waren die Straßen nach den Bombenangriffen überhaupt passierbar? 

Bombennacht-Spezial im HNA-Regiowiki

Dettmar: Das ging sogar nach der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 relativ schnell. Ich erinnere mich an italienische Zwangsarbeiter, die für die Räumung eingesetzt wurden. Die Straßen waren bald wieder frei, die Straßenbahnen sind auch wieder gefahren.

Wie sah es mit der Ernährung aus? 

Dettmar: Viel gab es nicht, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir gehungert haben. Es gab Lebensmittel über Essensmarken. Außerdem hatten wir einen Schrebergarten am Fasanenhof.

Warum wurde Kassel so stark zerstört? 

Ausgebombt: Die für Kassel typische Aufnahme entstand in der Nordstadt. Foto:  Stadtarchiv/nh

Dettmar: Mit Henschel, Wegmann, Fieseler, Junkers und Credé war Kassel als wichtiger Rüstungsstandort ein vorrangiges Ziel der Angriffe. Während die Amerikaner mit Tagesangriffen gezielt diese Standorte bombardierten, hatten die Engländer eine andere Strategie. Sie flogen nachts und setzten auf die Bombardierung der Innenstädte. So sollte die Bevölkerung getroffen werden, die Menschen, die in den Fabriken arbeiteten.

Wie lange hat die Zerstörung nachgewirkt? 

Dettmar: Sehr lange. Der Wiederaufbau begann ja erst in den 50er-Jahren. Manche Spuren sieht man bis heute.

Zur Person

Werner Dettmar (87) ist in Kassel geboren und aufgewachsen. Für die hochgelobte Publikation „Die Zerstörung Kassels im Oktober 1943“ wurde er mit der Stadtmedaille ausgezeichnet. Dettmar arbeitete in leitender Funktion im Kulturamt. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und zwei Enkelkinder.

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