Mandat niedergelegt

Kasseler SPD-Landtagsabgeordneter Decker: Bouffier nannte ihn Schmeißfliege

Landtagsabgeordneter Wolfgang Decker (SPD)
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Mittwoch endet seine Zeit als Landtagsabgeordneter: Wolfgang Decker (SPD) hat sein Mandat aus gesundheitlichen Gründen niedergelegt.

Für Sozialdemokrat Wolfgang Decker endet am 30. Juni seine Zeit im Hessischen Landtag. Wir sprachen mit dem 65-Jährigen über die politischen Anfänge, die mehr als 13 Abgeordnetenjahre und über das, was er noch vorhat.

Herr Decker, Sie legen aus gesundheitlichen Gründen Ihr Mandat nieder. Wie geht es Ihnen aktuell?
Gott sei dank geht es mir ganz gut. Gewiss hat dazu auch die Entscheidung beigetragen, mein Mandat niederzulegen. Seither geht es mir mental besser. Ich hätte gerne noch die Wahlperiode abgeschlossen, aber die gesundheitlichen Warnschüsse waren deutlich. Und die Vernunft hat schließlich gesiegt.
Wann ist für Sie endgültig Schluss im Landtag?
Meine Dienstzeit endet am 30. Juni. Kurioserweise habe ich an diesem Tag noch eine Sitzung des Haushaltsausschusses zu leiten, dem ich seit 2009 vorsitze. Von Parlamentskollegen habe ich mich bereits in der Plenarsitzung am 17. Juni verabschiedet.
Wie fühlt sich das so kurz vor dem Abschied an?
Es ist ein komisches, auch ambivalentes Gefühl. Letztlich überwiegt aber die Freude. Holger Börner, einer meiner politischen Ziehväter, hat 1987 bei seinem Abschied aus der Landespolitik zu mir gesagt: Junge, du musst dir eines merken. Man sollte aufhören, solange es noch ein paar Leute gibt, die das bedauern. Daran halte ich mich.
Vier Mal gewannen Sie den Wahlkreis Kassel Ost. Nur der erste Anlauf ging schief. Woran lag’s?
Das war 2003. Ich bin damals erstmals als SPD-Kandidat angetreten – und der bis dahin rote Wahlkreis Kassel Ost ging an CDU-Mann Christoph Holler. Das war für mich ein Schlag ins Kontor. Ich hatte mich parteiintern durchgesetzt und dann sorgten die Diskussionen um die rot-grüne Koalition im Bund dafür, dass die SPD bei der Landtagswahl alle Wahlkreise außer zwei in Hessen verlor.
2008 zogen Sie mit 53 Jahren in den Landtag ein. Warum klappte es nicht schon früher, die Politik zum Beruf zu machen?
Weil ich ja erst einmal einen ordentlichen Beruf gelernt habe (lacht) und Politik lange nur ehrenamtlich betrieben habe. Als ich in den 1990er- Jahren in der SPD anfing, gehörte ich zu denen, die in der Partei die Ochsentour machen und unter anderem Plakate kleben mussten. Irgendwann habe ich dann den ersten Fuß in die Kommunalpolitik gesetzt. Im Ortsverein Wolfsanger wurde ich relativ schnell Vorsitzender. Über den Ortsbeirat bin ich eigentümlicherweise gleich in den ehrenamtlichen Magistrat gekommen, dann erst Stadtverordneter geworden. Ich habe damals aber nie gedacht, dass ich es einmal schaffen werde, in den Landtag zu kommen. Das war für mich ganz weit weg und ganz weit oben.
Wie gelang doch noch der Sprung in den Landtag?
Über die politische Arbeit ist es dann doch irgendwann passiert. Ich wollte irgendwann auch die Politik zum Hauptberuf machen und habe das nie bereut. Die Arbeit hat mir vom ersten bis zum letzten Tag Spaß gemacht. Es war für mich eine Ehre und ein Privileg, als Abgeordneter etwas für die Menschen in Hessen und vor allem in meinem Wahlkreis zu erreichen.
Was haben Sie für Kassel erreichen können?
Es waren viele kleinere Dinge, aber auch einige größere. Oberste Aufgabe für mich war es, Geld in den Wahlkreis zu holen. Für die Sanierung der maroden Haupttribüne des Auestadions gelang es, fast fünf Millionen Landes-Euro locker zu machen. Ein Erfolg war es auch, dass wir den Lärmschutz an der Autobahn 7 schon vor Beginn der Bauarbeiten durchsetzten. Beim Hessentag 2013, den wir nach der Absage von Vellmar kurzfristig nach Kassel holen konnten, habe ich im Finanzministerium den Minenhund gespielt. Ich habe die Idee vorgestellt und klargemacht: Wenn Kassel einspringt, muss für Kassel finanziell auch noch was rüberkommen. So kam es auch.
Bei Ihrer Verabschiedung sagte Landtagspräsident Boris Rhein (CDU), Sie seien immer fair gewesen, hätten aber auch zulangen können. Was meint er?
Ich kann sehr hartnäckig sein. Ich habe gelernt, dass man dicke Bretter bohren und immer weiter bohren muss, wenn man etwas erreichen will. Als es um die Aue-stadiontribüne ging und ich deshalb zum dritten Mal beim Innenminister, dem heutigen Ministerpräsidenten Bouffier, nachhakte, sagte der zu mir: „Decker, du bist wie ’ne Schmeißfliege.“ Aber es hat sich ausgezahlt.
13 Jahre im Landtag waren 13 Jahre in der Opposition. Wie schwer wiegt das?
Natürlich schmerzt es ein bisschen, dass die SPD in meiner Zeit im Landtag immer in der Opposition gewesen ist. Aber wir haben als SPD dennoch viel erreicht. Wir haben immer den Finger in die Wunde gelegt und die Regierungsparteien oftmals zu guten Entscheidungen getrieben, vor allem im Sozial- und im Bildungsbereich.
Sie engagieren sich weiter in der Stadtpolitik, haben sich jetzt erst den Fraktionsvorsitz aufs Auge drücken lassen. Wird das mit der Schonung klappen?
Ja, ich werde kürzertreten. Ich will mich weiter in Ortsverein und Stadtverordnetenversammlung engagieren. Mit dem Landtagsmandat fällt die Hauptlast weg. Ich habe immer über 100 Prozent gefahren, aber die vielen Termine als Vorsitzender des Haushaltsausschusses sowie als arbeitsmarkt- und rentenpolitischer Fraktionssprecher entfallen nun. Genauso wie die vielen Fahrten zwischen Wiesbaden und Kassel, die ich früher besser weggesteckt habe. Das wird schon eine Entlastung sein.
Wie wollen Sie die hinzugewonnene Zeit nutzen?
Das muss ich mir noch überlegen. Es beginnt ein neuer Abschnitt in meinem Leben, auf den ich mich gedanklich noch einstellen muss. Ich habe mir vorgenommen, mehr Sport zu treiben. Und ich freue mich darauf, meine Enkeltochter im Hunsrück öfter besuchen zu können.
Gibt es politische Ziele, die Sie weiterverfolgen?
Der Einsatz für den Erhalt unserer Industriebetriebe und der Arbeitsplätze war mir immer wichtig, das ist meist auch mit Erfolg geschehen, etwa bei Bombardier, Rheinmetall, in Teilen auch bei GE-Grid. Der Transformationsprozess der Industrie ist in der Region eine große Herausforderung. Im VW-Werk zum Beispiel ist die Umstellung der Produktion von Verbrennungs- auf Elektromotoren mit dem Wegfall vieler Arbeitsplätze verbunden. Es geht darum, wie wir das kompensieren und Beschäftigung in anderen Feldern aufbauen können. Das ist ein langer und schwieriger Prozess, den ich als Kommunalpolitiker weiter begleiten möchte.
Nun endet auch Ihre Fußball-Karriere als Trainer der Landtagself. Ist die Nachfolge schon geregelt?
Coach der Landtagself zu sein, war für mich immer eine schöne Sache und noch dazu für einen guten Zweck. Nein, meine Nachfolge ist noch nicht geregelt, es soll aber einige Interessenten geben. Offenbar laufen die Vertragsverhandlungen noch.

Zur Person

Wolfgang Decker (65) wurde in Kassel geboren. Er machte bei AEG eine Ausbildung zum Industriekaufmann, schloss dann eine beim Regierungspräsidium für die gehobene Verwaltungslaufbahn ab. Er war unter anderem noch in der Landesanstalt für Privaten Rundfunk und im Landeswohlfahrtsverband tätig.

Decker trat 1976 in die SPD ein. Von 1997 bis 2006 war er ehrenamtlicher Stadtrat, seit 2006 ist er Stadtverordneter. 2008 zog er als Abgeordneter in den Landtag ein. Von 2017 bis 2019 war er SPD-Vorsitzender, kürzlich wurde er Co-Fraktionsvorsitzender.

Der Fußballfan ist geschieden, lebt in Wolfsanger und hat zwei erwachsene Töchter sowie eine Enkeltochter.

(Andreas Hermann)

Im zweiten Anlauf holte Decker 2008 den Wahlkreis. Unser Foto zeigt ihn bei der Wahlparty im Kreishaus.

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