Kannenbergs Einrichtung

Box-Camp: Kasseler Forscher untersuchen pädagogisches Konzept 

Arbeit mit harten Jungs: Unser Archivfoto zeigt Lothar Kannenberg, den Leiter und Gründer des Trainingscamps, mit zwei Teilnehmern. In der Einrichtung in Diemelstadt-Rhoden wird mit straffällig gewordenen Jugendlichen gearbeitet, die häufig schon eine kriminelle Karriere mit Gewalt, Alkohol und Drogen hinter sich haben. Archivfoto: dpa/Zucchi

Kassel. So heftig wie mancher Teilnehmer von Lothar Kannenbergs Trainingscamp schon zugeschlagen hat, so heftig wird über die Jugendhilfeeinrichtung in Diemelstadt gestritten.

Einerseits hat der frühere Profi-Boxer Kannenberg dafür den Deutschen Kriminalpräventions-Preis bekommen, andererseits wurden ihm wegen der harten Methoden im Camp, das sich bis vor einigen Jahren im Gut Kragenhof bei Kassel befand, schon Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Ein Forscherteam der Uni Kassel arbeitet derzeit an einer Studie, die das Konzept des Trainingscamps pädagogisch bewerten soll. Das dreijährige Forschungsprojekt, das vom Hessischen Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit mit 85.000 Euro gefördert wird, soll im Sommer zum Abschluss kommen.

Das pädagogische Konzept des Camps beruhe auf den drei Säulen Sport, einer streng geregelten gemeinschaftlichen Tagesstruktur und der Beziehung zwischen Trainern und Jugendlichen, sagt Andreas Böhle, der die Studie als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Sozialpädagogik betreut. Gegen diesen Ansatz sei grundsätzlich nichts einzuwenden. Allerdings gebe es auch fragwürdige Methoden, etwa die Kollektivstrafe. Wenn einzelne oder mehrere Jugendliche im Camp gegen die Regeln verstoßen, ist es Aufgabe der Gruppe, sie dazu anzuhalten, ihr Fehlverhalten einzustellen. Geschieht das nicht, muss mitunter die gesamte Gruppe sportliche Straftrainings absolvieren.

„Die Kollektivstrafe ist kontraproduktiv und ethisch nicht legitim“, sagt Prof. Mark Schrödter, der die Leitung des Forschungsprojekts nach dem Tod von Prof. Michael Galuske Anfang des Jahres übernommen hat. Hinter dem Rücken der Pädagogen führe die Strafe für alle dazu, dass die Jugendlichen, die den Ärger verursachen, von der Gruppe massiv unter Druck gesetzt würden und dabei auch Gewalt angewendet werde. „Das ist eine nicht beabsichtigte Folge der Kollektivstrafe, die das Ziel des Camps - nämlich gewalttätiges Verhalten zu unterbinden - unterläuft“, sagt der Professor für Sozialpädagogik des Kinder- und Jugendalters.

Ein besonderes Augenmerk haben die Wissenschaftler auf die Beziehung zwischen Jugendlichen und Trainern im Camp gelegt. Dabei falle auf, dass häufig ein derber Ton herrsche und die Pädagogen einen Umgang mit den Jugendlichen pflegten, der auf Konfrontation ausgelegt sei, sagt Böhle, „manchmal auch unter Rückgriff auf körperliche Überlegenheit“. Das wirke zunächst befremdlich, letztlich werde so aber Nähe aufgebaut. Die Pädagogen signalisierten den Jugendlichen: „Ich stelle mich dir in den Weg, damit wir eine Beziehung aufbauen können.“

Allein der Aufbau eines Verhältnisses, das ein pädagogisches Arbeiten ermögliche, sei schon ein Erfolg, wenn man bedenke, welche Teilnehmer in das Camp kommen, sagt Böhle. Nämlich solche, bei denen bisher keine Jugendhilfeeinrichtung etwas bewirken konnte. In Kannenbergs Camp sei zu beobachten, dass die Jugendlichen sich auf Beziehungen zu den Trainern einließen, sie als Orientierung gebende Autorität akzeptierten und in der Folge für sich selbst einen positiven Lebensentwurf entwickelten.

Von Katja Rudolph

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