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Brand mit Totem in Obdachlosen-Unterkunft: Kritik an Unterbringung

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Von: Kathrin Meyer

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Feuerwehrmänner helfen bei einem Brand in Kassel-Rothenditmold, bei dem ein Mann gestorben ist.
Noch viele Fragen offen: Nach dem Brand mit Todesfolge in einem Mehrfamilienhaus in Rothenditmold, in dem die Stadt Unterkünfte für Obdachlose angemietet hat, wird Kritik im Stadtteil laut. © Andreas Fischer

Nach dem Brand am 11. Februar in einem Mehrfamilienhaus in Kassel-Rothenditmold, bei dem ein Mensch gestorben ist, nimmt die Kritik zu – nicht nur im Stadtteil.

Kassel – Nach Abschluss von Obduktion und DNA-Abgleich bestätigt die Polizei mittlerweile, dass es sich bei dem Toten um einen 64-jährigen Bewohner des Hauses handelt. Die Brandursache ist allerdings weiter unklar. In dem Komplex an der Wolfhager Straße hat die Stadt Kassel Räumlichkeiten zur Unterbringung von Obdachlosen angemeldet.

Ein Anwohner erzählt, dass es zuletzt immer wieder zu Problemen rund um die Unterkunft gekommen sei. Ein Grund sei, dass Bewohner Exkremente in Tüten auf die Straße werfen. Als Grund sieht der Anwohner, dass die ursprünglichen Drei-Zimmer-Wohnungen mit Küche und Bad in fünf Unterbringungsmöglichkeiten mit nur einer sanitären Anlage umgewandelt worden seien.

Das seien jetzt eben fünf kleine Zimmer mit einer Kochmöglichkeit und für alle die eine Toilette. „Da fühlt sich niemand zuständig, die Toiletten sauber zu machen, und das führt dann eben zu solchen Situationen.“

Passanten würden schon die Straßenseite wechseln, um der Gefahr zu entgehen, von Kot oder Urin getroffen zu werden. Eine Zeit lang habe die Stadt Kassel an der Unterkunft einen Sicherheitsdienst eingesetzt. Der sei aber offenbar aus Kostengründen eingespart worden. „Es würde schon viel bringen, wenn die Bewohner einfach einen Ansprechpartner hätten oder jemanden, der im Ernstfall erst mal deeskalierend eingreift“, so der Anwohner.

Am Brandtag sei er auf die Straße geeilt, als er den Rauch gesehen habe. Der Mann habe am Fenster gestanden und um Hilfe gerufen. Mit eigenen Feuerlöschern sei er in das Haus geeilt, um zu helfen. Aber die Tür der Brandwohnung sei von innen barrikadiert gewesen. Selbst als man versucht habe, die Tür mit dem Feuerlöscher einzuschlagen, habe man sie nicht öffnen können.

Ein Bewohner der Unterkunft habe ihm erzählt, dass es dort vor einiger Zeit einen Polizeieinsatz gegeben habe, bei dem Türen aufgebrochen worden seien. Anders als bei Unterkünften für Geflüchtete sei es bei der Unterbringung von Obdachlosen nicht verpflichtend, dass die Namen der Bewohner an Haustür oder den Wohnungen vermerkt würden. Daher sei es eben so, dass die Polizei in alle Wohnungen müsse, wenn jemand gesucht werde. Aus diesem Grund hätten einige Bewohner die Türen von innen verbarrikadiert.

Über die genauen Verschlussverhältnisse der Tür macht die Polizei derzeit keine detaillierten Angaben – mit Verweis auf das noch laufende Ermittlungsverfahren. Allerdings teilte Pressesprecher Matthias Mänz auf Anfrage mit: „Die Aussage, dass die Tür der brandbetroffenen Wohnung von innen verbarrikadiert war, lässt sich anhand der von den Ermittlern in der Brandwohnung vorgefundenen Situation nicht bestätigen.

Das sagt die Stadt Kassel

Die Stadt Kassel schließt für die Unterbringung des Personenkreises keine Mietverträge, heißt es auf Anfrage. Klassische Obdachlosenunterkünfte wie in anderen Städten gibt es nicht. Die Stadt verfolgt seit Jahrzehnten die Strategie der dezentralen Unterbringung von obdachlos gewordenen Menschen. Aktuell sind in Kassel rund 700 Haushalte (Einzelperson, Ehepaar, Familie) zur Abwendung von Obdachlosigkeit in Anspruch genommenen Wohnungen eingewiesen.

Mit der Akquise geeigneter Wohnungen ist die Zentrale Fachstelle Wohnen dauerhaft befasst. In der Regel werden einzelne Wohnungen von privaten Eigentümern oder Wohnungsgesellschaften für die Unterbringung von Obdachlosen in Anspruch genommen, heißt es. Die Standorte werden zum Schutz vor Stigmatisierungen der Personen nicht bekannt gegeben.

Die Unterbringung erfolgt den rechtlichen Anforderungen entsprechend der Haushaltsgröße. Einzelpersonen werden in der Regel in einzelne Zimmer (acht bis zehn Quadratmeter groß) in den in Anspruch genommenen Wohnungen eingewiesen. Die Wohnungen und Zimmer werden entsprechend des gesetzlichen Mindeststandards ausgestattet (Bett, Stuhl, Tisch, Schrank, Zugang zu Kochmöglichkeit und sanitären Anlagen).

Die Hessische Bauordnung regelt die Notwendigkeit von Rettungswegen. Je nach Gebäude und Nutzung müssen diese in einem Brandschutzkonzept niedergeschrieben werden. Je nach Konzeption bedarf es Feuerlöscher.

Auch dass die Tür nicht mehr verschlussfähig war, weil sie möglicherweise in der Vergangenheit aufgebrochen worden war, ist ebenfalls nicht festgestellt worden.“ Die ermittelnden Kollegen hätten zudem berichtet, dass Rauchmelder vorhanden gewesen seien. Mänz: „Hinweise auf strafrechtlich relevante Verstöße gegen brandschutzrechtliche Vorschriften haben sich bei den bisherigen Ermittlungen nicht ergeben.“

Der Anwohner berichtet indes, dass Einsatzkräfte ihm am Tag des Brandes erzählt hätten, dass in dem Haus 100 Personen gemeldet seien. „Da muss man natürlich mit einberechnen, dass nicht immer die Meldung gelöscht wird, wenn die Bewohner sich dort nicht mehr aufhalten.“ An sich sei die Unterkunft eine „super Sache“, aber es fehle eben an Struktur. Gelegentlich sei die Heizung in dem Haus ausgefallen, hätten ihm Bewohner erzählt. Auf die Frage, wie denn dann geheizt werde, habe man ihm gesagt, dass die Kochplatten auf die höchste Stufe gestellt werden, um Wärme zu erzeugen. Das sei natürlich ein Risiko.

Das sieht Ortsvorsteher Hans Roth ähnlich: Als noch der Sicherheitsdienst vor Ort gewesen sei, seien die Beschwerden weniger gewesen. Im Stadtteil gebe es eine hohe Konzentration von sozialen Problemen und auch entsprechenden Unterkünften. Da würde es Sinn machen, das zu entzerren. Aus Roths Sicht würde der Unterkunft eine sozial-psychologische Betreuung helfen. Eine Person, die in entsprechenden Situationen frühzeitig eingreifen und unterstützen kann.

Auch die Kasseler Linken fordern in einer Pressemitteilung Antworten auf die Frage, ob es für die Gemeinschaftsunterkunft ein Feuerschutzkonzept gab und Klarheit, wie es zu dem Brand kommen konnte. Von der Stadt heißt es auf Anfrage: „Die Stadt kann mit Verweis auf laufende Ermittlungen derzeit keine Auskunft geben.“ Auf erneute Nachfrage gab es dann noch eine Antwort auf allgemeine Fragen.

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