Vermutlich bleibt Land Hessen auf dem Schaden sitzen

Brandanschlag auf Herkules: Unverständnis über Vandalismus an Kassels Wahrzeichen

Kassel. „Wer macht bloß so etwas?“ fragt sich Thomas Täschner vom Hessischen Baumanagement, das für die Arbeiten am Herkules verantwortlich ist, am Freitagvormittag. Zusammen mit seinem Kollegen Klaus Zinn hat er die beiden Tatorte in dem Bauwerk in Augenschein genommen.

Im zweiten Obergeschoss des Herkules-Bauwerks haben der oder die Täter in der Nacht zum Freitag offenbar mit Hilfe eines Brandbeschleunigers einen Baustromkasten angezündet. „Gott sei Dank ist die Sicherung rausgeflogen, ansonsten hätte es für die Arbeiter auf der Baustelle gefährlich werden können“, sagt Zinn.

Immer wieder sei es in den vergangenen Jahren vorgekommen, dass Unbekannte nachts auf das Gerüst geklettert seien, um in das Bauewerk zu gelangen, das zwischen 1701 und 1717 im Bergpark Wilhelmshöhe errichtet worden ist. „Letztes Jahr ist im oberen Bereich eine Scheibe zerstört worden“, sagt Täschner. Feuer sei bislang aber noch nie gelegt worden.

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Brandanschlag - Unbekannte legten zwei Feuer am Herkules

„Der Herkules war schon immer das Ziel von nächtlichen Besuchern“, sagt Dr. Micha Röhring von der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK). Seitdem Kassels Wahrzeichen aber zur Dauerbaustelle geworden ist, nutzten einige die Gerüste, um in die oberen Etagen zu gelangen. „Wir merken das daran, wenn morgens auf einmal die Sicherheitsklappen an den Gerüsten offen sind“, sagt Röhring. Hin und wieder ließen die nächtlichen Kletterer auch leere Bierflaschen zurück.

Dass das gesamte Bauwerk in Flammen stehen könnte, darüber macht sich Röhring weniger Sorgen. Auch wenn Tuffstein ein schwieriges Material sei, so habe es doch den Vorteil, dass es nicht brenne. Nichtsdestotrotz gebe es für das gesamte Herkules-Bauwerk ein Brandschutzkonzept. „Der Herkules wird genauso behandelt wie ein Treppenhaus“, sagt Röhring.

Keine Videoüberwachung 

Gefährliche Tat: Die Täter sind wohl an diesem Gerüst hochgeklettert, um zur Pyramide des Bauwerks zu gelangen.

Vermutlich wird die MHK oder das Hessische Baumanagement - also auf alle Fälle das Land Hessen und somit der Steuerzahler - auf dem Schaden sitzen bleiben, da der Herkules nicht versichert ist. Zwar war die Kriminalpolizei am Freitagvormittag vor Ort und sicherte Spuren, aber Hinweise auf den oder die Täter zu finden, ist wohl genauso schwierig wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Eine Videoüberwachung gebe es am Herkules nicht, sagt MHK-Spürecherin Lena Pralle. „Darüber sollten wir mal nachdenken.“

Renate Bachmann und Rolf Fasterding aus Kassel haben am Freitagvormittag einen Ausflug zum Weltkulturerbe in ihrer Stadt unternommen. Als sie von der Brandstiftung erfahren, sind beide erschüttert. „Es wird immer schlimmer. Ich verstehe die Zerstörungswut solcher Menschen nicht“, sagt Bachmann. Ihr Bekannter Fasterding fügt hinzu: „Die Täter müssen sehr frustiert und unzufreiden mit ihrem Leben sein.“

Bilder der Brandorte am Herkules

Unbekannte legten zwei Feuer am Herkules

Hintergrund: Der Herkules

Der Herkules ist das Wahrzeichen Kassels, erbaut unter Landgraf Karl. Er besteht aus dem - ursprünglich ohne Aufsatz geplanten - Oktogon und einer aufgesetzten Pyramide mit der Herkulesstatue.

Im Jahre 1696 wurde mit den ersten Arbeiten an dem Wassersammelbecken auf der von Kassel abgewandten Seite des Habichtswaldes, dem Alten Winterkasten, begonnen. Der weitere Werdegang wird detailliert im Herkules-Lexikon beschrieben, das die HNA in einer Artikelserie im Jahre 2004 veröffentlichte.

Lexikon-Wissen:

Alles zum Herkules gibt es im Regiowiki der HNA.

Die 8,25 Meter hohe Herkules-Figur wurde an Ort und Stelle aus Einzelteilen zusammengebaut und vernietet. Grundlage für die Konstruktion der von Jacob Anthoni vorgeformten Kupferbleche war und ist ein Eisengerüst, das in der Pyramidenspitze verankert ist. Die Verbindung von Kupfer und Eisen verträgt sich aber auf Dauer nicht und fördert die Entstehung von Schäden. Auch der spätere Versuch, das Eisen mit Blei zu ummanteln (1952), konnte die weitere Entstehung von Schäden nicht unterbinden.

Im Jahr 1714 erhielt der aus Augsburg stammende Goldschmied Jacob Anthoni den Auftrag, die Figur aus Kupferblech anzufertigen. Er erledigte dies zwischen 1714 und 1717 im Messinghof in Bettenhausen. Auf einer Kupferkalotte verewigte sich Anthoni als Gestalter. Die Scheibe ist unter einer Haarlocke des Herkules verborgen.

 Von Ulrike Pflüger-Scherb

Rubriklistenbild: © Scherb-Pflüger, Ulrike

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