Branner & Co.: Streit um NS-Zeit auch anderswo

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Für die Ewigkeit: Die Büste des verstorbenen Ex- Oberbürgermeisters Karl Branner (1910-1997) steht in der Karl-Branner-Seitenhalle im Kasseler Rathaus. Der vielfach geehrte SPD-Mann gilt laut einer Studie als NS-belastet.

Kassel. Nicht nur in Kassel wird über die Ehrungen für ehemalige Stadtpersönlichkeiten gestritten. Wir haben ein paar Bespiele recherchiert. 

Bei einer Diskussion soll es am Donnerstag noch einmal um die NS-Vergangenheit der ehemaligen Kasseler Oberbürgermeister Willi Seidel, Karl Branner und Lauritz Lauritzen gehen. Aber nicht nur in Kassel wird über Stadtpersönlichkeiten, ihre NS-Vergangenheit und eventuelle Umbenennungen diskutiert.

Beispiel Würzburg:  In Würzburg hat der Ältestenrat vor wenigen Tagen entschieden, die Helmuth-Zimmerer-Straße umzubenennen. Der Würzburger Nachkriegsoberbürgermeister (Freie Wähler) verherrlichte in seiner Doktorarbeit die Rassenlehre der Nationalsozialisten. Obwohl dies seit 50 Jahren bekannt war – es wurde oft darüber berichtet – haben erst jetzt alle Fraktionen im Stadtrat die Umbenennung beschlossen. Die Straße war erst 1985 nach Zimmerer (1912-1984) benannt worden.

Beispiel Coburg: Wochenlang wurde im Frühjahr in Coburg darüber gestritten, ob eine Straße nach dem Firmengründer Max Brose (1884-1968) benannt werden sollte. Brose war NSDAP-Mitglied und hatte Zwangsarbeiter beschäftigt. Auch der Zentralrat der Juden hatte die geplante Umbenennung kritisiert. Nun wurde die Debatte vorerst beendet. Der Stadtrat will klären, wie Broses Rolle im Nationalsozialismus zu bewerten ist. Der Enkel verteidigt seinen Großvater. Dieser habe immer auf Distanz zum NS-Regime gestanden. Coburg war seinerzeit eine Hochburg der Nationalsozialisten.

Beispiel Paderborn:  Eine Ratsfraktion in Paderborn hatte vergangenen Monat die Aufhebung der Ehrenbürgerschaft von Lorenz Kardinal Jaeger (1892-1975) beantragt. Jaeger war von 1941 bis 1973 Paderborner Erzbischof und ab 1965 Kardinal. Die Ratsfraktion der Demokratischen Initiative Paderborn sieht Jaegers Rolle in der NS-Zeit kritisch. Seit 1934 war er Mitglied der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Den Angriff der Wehrmacht auf Russland stellte er 1941 in einem Brief an die Diözese als „gigantisches Ringen mit den Mächten der Finsternis, mit Gottlosigkeit und Unkultur“ dar. Der Antrag der kleinen Fraktion wurde mit der Mehrheit von CDU/FDP abgelehnt.

Beispiel Eschwege:  Auch in Nordhessen sind solche Diskussionen nicht neu. Im Mai haben Eschweges Stadtverordnete entschieden, den Fritz-Neuenroth-Weg umzubenennen. Der ehemalige Lehrer galt als strammer Nazi, der gegen Christen hetzte. Es ist nicht die erste Umbenennung in Eschwege: 2009 wurde dort über die Dr.-Beuermann-Straße gestritten. Der Stadtkämmerer Dr. Alexander Beuermann war einst NSDAP-Mitglied und SA-Sturmführer. Vor dem und während des Krieges war Beuermann Bürgermeister in Eschwege (1934 bis 1945). Auch sein Name verschwand aus dem Straßenbild.

Beispiel Münster: Nicht nur vor dem unmittelbaren Hintergrund der NS-Zeit wird über die Umbenennung von Straßennamen diskutiert. In Münster läuft seit vielen Jahren eine Debatte über zahlreiche Straßennamen, die von der Stadt moderiert wird. Prominentestes Beispiel war der Hindenburgplatz. Der Stadtrat hatte 2012 für die Umbenennung gestimmt. Im Anschluss leitete eine Bürgerinitiative ein Bürgerbegehren für den Erhalt des Hindenburgplatzes ein. Die Mehrheit der Bürger sprach sich aber für den neuen Namen „Schlossplatz“ aus. Einer der Hauptkritikpunkte am Reichspräsidenten Paul von Hindenburg war es, dass er 1933 den Nationalsozialisten die Macht übergab, obwohl dies nicht zwingend gewesen sei. Auch Frankfurt hatte ihn vor zwei Wochen von der Liste der Ehrenbürger gestrichen.

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