NS-Vergangenheit

Branner hatte sich nicht zu NSDAP-Mitgliedschaft bekannt

Bei dem Thema wortkarg: Der frühere Oberbürgermeister Dr. Karl Branner stritt ab, dass seine Doktorarbeit den Nationalsozialismus verherrliche.

Kassel. Forschungen brachten es ans Licht: Der ehemalige Oberbürgermeister Karl Branner (SPD) war in der NS-Zeit Mitglied der NSDAP. Sein Amtsvorgänger Lauritz Lauritzen (SPD) war in deren Kampforganisation Reiter SA. Beide haben das zu Lebzeiten verschwiegen oder verharmlost.

Nur einmal kam der Ehrenbürger Karl Branner (1910-1997) wegen seines Verhaltens in der NS-Zeit in Bedrängnis. Im Frühjahr 1963 hatte es im Landtag einen Streit zwischen SPD und FDP um eine „zweite Entnazifizierung“ gegeben. In diese Auseinandersetzung wurde auch Branner durch den FDP-Landeschef Heinrich Kohl gezogen. Kohl machte auf Branners 1937 verfasste Doktorarbeit zum Steuerrecht an der Uni Göttingen aufmerksam, in der dieser den Nationalsozialismus verherrlicht habe.

Der FDP-Mann wies seinerzeit im Landtag etwa auf das Literaturverzeichnis hin, in dem Branner jüdische Autoren mit einem Stern gekennzeichnet hatte. In der Arbeit habe der spätere Kasseler Oberbürgermeister (von 1963 bis 1975 im Amt) ein „NS-Steuerrecht aus dem Gedanken der germanischen Gefolgschaftstreue“ entwickelt. Der FDP-Landeschef gestand Branner aber zu, als 27-jähriger Doktorand einen „politischen Irrtum“ begangen zu haben.

Lesen Sie auch:

-Mehr als nur mitgemacht - Frank Thonicke über die Nazi-Vergangenheit

-Stadt will Gewissheit über Branners NS-Zeit

Nachdem unsere Zeitung 1963 über diesen Streit im Landtag und die Vorwürfe berichtet hatte, reagierte Branner. Er habe sich in seiner Doktorarbeit im Wesentlichen mit steuer- und finanztheoretischen Problemen befasst, teilte er unserer Zeitung mit. Es sei ihm nicht um eine Glorifizierung des Nationalsozialismus gegangen. Die Öffentlichkeit könne sich selbst ein Bild von der Arbeit machen.

Dies tat lange Zeit aber offenbar niemand. Denn in seiner Arbeit schreibt Branner etwa: „Daß erst der Nationalsozialismus die Bedrohung des Volkstums erkannt und den Weg zu ihrer Abwehr beschritten hat, liegt in der nationalsozialistischen Weltanschauung selbst begründet“.

Und Sätze wie diesen: „Die Überwindung der liberalen Wirklichkeit und Theorie konnte nur gelingen, wenn der alten eine neue und stärkere Wirklichkeit und Idee entgegentrat. Die nationalsozialistische Weltanschauung und die nationalsozialistische Wirklichkeit treffen die liberale Wirklichkeit und Weltanschauung in ihrem Kern, nämlich ihren Grundlagen.“

Branners Doktorvater, der Nationalsozialist Klaus Wilhelm Rath, gehörte zu den wenigen belasteten Hochschullehrern, bei denen sich die Fakultäten nach dem Krieg weigerten, sie wieder aufzunehmen.

Lauritz Lauritzen (1910-1980), der nach seiner Zeit als Oberbürgermeister (1954-1963) unter anderem Bundesverkehrsminister war, kam 1973 durch einen Spiegel-Artikel in Erklärungsnot. Erst da sagte Lauritzen, er sei von 1934 bis 1938 in der Reiter SA gewesen, weil er als früheres SPD-Mitglied um seine Karriere als Jurist gefürchtet habe. Zudem habe ihm Reiten Spaß gemacht.

Von Bastian Ludwig

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.