Gegen Kassels Ex-Oberbürgermeister wurde nach seiner Kriegsgefangenschaft ermittelt

Was tat Branner im Lager?

Einst beliebter Politiker: Oberbürgermeister Karl Branner.

Kassel. Um die NS-Geschichte des früheren Kasseler Oberbürgermeisters Karl Branner aufzuarbeiten, hat die Stadt Marburger Historiker beauftragt. Zu Lebzeiten stand schon einmal Branners guter Ruf auf dem Spiel: Damals ging es um seine Rolle während der Kriegsgefangenschaft.

Heinz Vonjahr (81) aus Elgershausen hat eine ungefähre Vorstellung davon, was Kassels ehemaliger Oberbürgermeister Karl Branner zwischen 1945 und 1949 in der Kriegsgefangenschaft erlebt hat. Denn Vonjahrs Vater, Heinrich Vonjahr, war im gleichen Lager im ehemaligen Jugoslawien inhaftiert und hatte einen Bericht über die Zeit verfasst. Allerdings war Branner (1910-1997) im Lager Werschetz nicht bloß ein gewöhnlicher Häftling, sondern er leitete den Antifa-Ausschuss. Dieser hatte auch die Aufgabe, die Häftlinge zu bewerten.

Diese Tätigkeit wurde für Branner nach dem Krieg zum Problem. Mehrere Kriegsheimkehrer bezichtigten ihn, er habe durch seine Bewertungen dafür gesorgt, dass sie in ein Straflager versetzt wurden und länger inhaftiert blieben. Deshalb nahm 1955 die Kasseler Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn auf. Der Vorwurf: Beihilfe zur Freiheitsberaubung.

Erinnerungen: Heinz Vonjahr blättert in den Aufzeichnungen seines Vaters Heinrich Vonjahr. Dieser war von 1945 bis 1949 im gleichen Kriegsgefangenenlager wie Karl Branner inhaftiert.

Vonjahr erinnert sich, dass auch sein Vater für Zeugenaussagen vernommen wurde. Der Untersuchungsrichter in Kassel hatte dazu die Mitinsassen von Branner aufgefordert. Vonjahr kann sich aber nicht erinnern, dass sich sein Vater mal negativ über Branners Tätigkeit im Gefangenenlager geäußert hätte. Aber ein Bekannter seines Vaters habe seinerzeit behauptet, dass er ins Straflager musste, weil ihn Branner angeschwärzt habe.

Die Anschuldigungen der Kriegsheimkehrer ließen sich offenbar nie belegen. Zumindest wurde Branner nie verurteilt. Über die Ergebnisse der Ermittlungen des Staatsanwaltes ist heute nichts mehr bekannt. Die Akten seien nicht mehr vorhanden, teilt die Kasseler Staatsanwaltschaft auf HNA-Anfrage mit.

Branner selbst hat zu Lebzeiten jegliche Einflussnahme auf die Haftbedingungen seiner Mitinsassen abgestritten. Er wurde vom Landeskriminalamt München vernommen und musste in Gerichtsverfahren als Zeuge aussagen, in denen andere Werschetz-Inhaftierte angeklagt waren, weil sie Mithäftlinge misshandelt haben sollen.

Dabei gab Branner zu Protokoll, Insassen nach ihrer politischen Gesinnung eingestuft zu haben. Er habe geglaubt, die Beurteilungen seien nur als „Begleitpapiere für die Heimat“ gedacht gewesen und nicht für die Lagerleitung. Er habe Beurteilungen geschönt, „wo es irgendwie ging“.

Heinz Vonjahr hat eine Erklärung dafür, warum das ehemalige NSDAP-Mitglied Branner 1963 Oberbürgermeister (SPD) werden konnte, obwohl er als ehemaliges Mitglied der Nazi-Partei eigentlich von dem Amt ausgeschlossen war. „Wer wie mein Vater und Branner erst 1949 aus der Kriegsgefangenschaft kam, der erhielt eine Spätheimkehrer-Amnestie. Diese Soldaten mussten kein Spruchkammerverfahren mehr durchlaufen. Von denen wurde keiner überprüft“, sagt Vonjahr.

Von Bastian Ludwig

Video-Interview mit Heinz Vonjahr

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