75-Jähriger wollte nach Böddiger laufen

Heim ließ verwirrten alten Mann im Stich: Er irrte auf Straße umher

Kassel. Ein 75-jähriger Altersheimbewohner aus Kassel, der unter Demenz leidet, ist am Sonntagmittag mit einem Rollator auf der Fahrbahn der Druseltalstraße umhergeirrt. Das Heim half auch nach einem Hinweis von Passanten nicht.

Ein Kasseler Ehepaar holte den verwirrten Mann, der an diesem Tag 75 wurde, von der Straße und rief das Awo-Altersheim an, in dem der Mann lebt. Das nur 300 Meter entfernte Wohnheim auf der Marbachshöhe sah sich jedoch nicht in der Lage, den hilflosen Bewohner abzuholen. Stattdessen musste die Polizei einspringen. Der Mann hatte es abgelehnt, sich von dem Paar zurückbringen zu lassen.

Erst nach 50 Minuten, in denen das Ehepaar dem Senioren beistand, kam eine Streife und brachte den Mann zurück. Der 75-Jährige hatte bei fünf Grad Celsius nur eine dünne Strickjacke an. Er hatte offenbar vor, zu Fuß ins 20 Kilometer entfernte Örtchen Böddiger bei Felsberg (Schwalm-Eder-Kreis) zu gehen, wie er seinen Helfern mitteilte. DAs hätte eine lebensgefährliche Tour werden können mit dem Rollator auf der Straße.

„Nach dem Erlebnis haben wir uns nicht nur gefragt, warum niemand anhielt, um dem Mann zu helfen. Sondern auch, wie es eigentlich um die Fürsorgepflicht von Altersheimen bestellt ist“, sagte der 62-jährige Kasseler, der dem Mann zur Hilfe gekommen war.

Auf Nachfrage der HNA erklärte Joachim Wickert, Leiter des Awo-Altenzentrums Marbachshöhe, zunächst, dass es im Heimablauf nicht vorgesehen sei, dass man weggelaufene Bewohner wieder einsammle. In solchen Fälle müsse man die Polizei rufen. Die Heimaufsicht, die beim Regierungspräsidium Gießen angesiedelt ist, sieht das anders: Es wäre Aufgabe der Einrichtung gewesen, den Bewohner zurückzuholen, sagt Sprecherin Gabriele Fischer. Inzwischen habe das Heim den Vorfall aber zum Anlass genommen, seinen Notfallplan für solche Situationen zu überarbeiten.

Auf Anfrage bei der Betreuungs- und Pflegeaufsicht, die dem Gießener Regierungspräsidium (RP) angesiedelt ist, leidet der Senior infolge einer Demenz auch unter Orientierungsstörungen. Er bewege sich mit seinem Rollator aber frei in der Einrichtung und gehe manchmal auch allein oder in Begleitung auf einem Parkplatz vor dem Heim bis zum benachbarten Tegut-Markt. Weglauftendenzen habe es bei dem Mann aber noch nicht gegeben, sodass das Heim eine engmaschige Überwachung bisher nicht für nötig hielt, berichtet Gabriele Fischer, Sprecherin des RP Gießen.

Die Polizei weist den Vorwurf zurück, sie sei nicht schnell genug vor Ort gewesen. Man sei vor allem zuständig, wenn Gefahr im Verzug sei, sagte Sprecher Torsten Werner: „Eigentlich hätte das Heim den Mann abholen müssen.“ (use/rud)

Knapp 50 Minuten für 300 Meter - so lief es ab:

Sonntag, 15. März, 12.40 Uhr: Ein Ehepaar aus Kassel entdeckt auf der Fahrbahn der Druseltalstraße einen Senior, der mit einem Rollator unterwegs ist. Das Paar hält und kümmert sich um den verwirrten Mann, auf dessen Rollator steht, dass er im benachbarten Awo-Altenheim auf der Marbachshöhe lebt. Gemeinsam mit ihm gehen sie zur Bushaltestelle Heideweg, um Schutz vor der Kälte zu finden.

12.49 Uhr: Da der Mann es ablehnt, sich von dem Paar zum Heim bringen zu lassen, ruft dieses dort an. Dort erteilt man die Auskunft, dass kein Mitarbeiter verfügbar sei, um den Bewohner abzuholen. Man werde deshalb vom Heim aus die Polizei informieren.

13.02 Uhr: Die Polizei ist noch nicht eingetroffen, deshalb ruft die Ehefrau erneut im Heim an. Dort bekommt sie die Info, man habe die Polizei verständigt.

13.06 Uhr: Die Frau ruft über Notruf 110 bei der Polizei an. Dort weiß man angeblich nichts über den Fall.

13.11 Uhr: Die Frau bekommt einen Rückruf von der Polizei. Ihr wird mitgeteilt, dass sich eine Streife vom zuständigen Revier in Baunatal auf den Weg nach Kassel macht.

13.28 Uhr: Die Frau ruft erneut bei der Polizei an und fragt, wo die Streife bleibt. Ihr sei mitgeteilt worden, dass aufgrund des Schichtwechsels erst vor wenigen Minuten der Wagen losgeschickt worden sei.

13.35 Uhr: Laut Polizeisprecher Torsten Werner kommt die Streife aus Baunatal an der Haltestelle an der Druseltalstraße an und bringt den 75-Jährigen zurück zum benachbarten Heim auf der Marbachshöhe. (use)

So handelt man in anderen Seniorenheimen

Ich würde es als unsere Aufgabe sehen, einen Bewohner zurückzuholen“, sagt Charlotte Bellin, Leiterin des evangelischen Stiftheims in Bad Wilhelmshöhe. Allerdings kann sie sich vorstellen, dass es zu Situationen kommt, in denen ein Heim solch eine Aufgabe nicht leisten könne, zum Beispiel am Wochenende bei knapper Besetzung. Da Seniorenheime keine geschlossenen Einrichtungen seien, könne man nicht verhindern, dass die Bewohner auch auf die Straße gehen. Gerade im Frühjahr wachse das Bedürfnis. „Zuständig ist immer das Heim“, sagt auch Marcel Missler, Leiter des Wohnstifts am Weinberg.

In der Regel merke man es schnell, wenn ein Bewohner fehlt. Dann schicke man eine Pflegekraft hinterher, die den Betroffenen zurückholt. Bei weiterer Entfernung könne man tagsüber auch jemanden mit dem Auto holen. Nachts aber könne das Pflegepersonal so etwas nicht leisten – da müsse man notfalls die Polizei rufen, sagt Missler. Bei Bewohnern, die öfter weglaufen, führe man Buch, was sie jeden Tag anhaben – damit man im Notfall eine präzise Personenbeschreibung liefern kann. (rud/use)

Rubriklistenbild: © dpa

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