KURZ GEFRAGT mit Gewerkschafterin Mechthild Middecke zum Jubiläum 1700 Jahre freier Sonntag

„Brauchen den Sonntag als gemeinsamen Zeitanker“

Mechthild Middeke von der Gewerkschaft Verdi.
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Mechthild Middeke von der Gewerkschaft Verdi.

Der arbeitsfreie Sonntag feiert Jubiläum. Aber er ist bedroht, sagt die Allianz für den freien Sonntag im Interview.

Kassel – Vor 1700 Jahren, am 3. März 321 nach Christus, machte der römische Kaiser Konstantin den Sonntag per Edikt zum wöchentlichen Ruhetag. Zum Jahrestag lädt die „Allianz für den freien Sonntag“ für Mittwoch, 3. März, zur Online-Jubiläumsfeier ein (siehe Hintergrund). Vor zehn Jahren wurde in Kassel die regionale Allianz für den freien Sonntag Nordhessen gegründet.

Wir sprachen mit Mechthild Middeke von der Gewerkschaft Verdi als einer der Trägerinnen der Allianz.

Seit 1700 Jahren gibt es den freien Sonntag. Ist er heute noch zeitgemäß?
Sogar mehr denn je. Weil sich die Gesellschaft immer mehr flexibilisiert hat, auch was Arbeitszeiten anbelangt, brauchen wir den Sonntag dringend als Zeitanker und als gemeinsame freie Zeit. Viele Menschen arbeiten schon in Schichten rund um die Uhr, und wir können von Montag bis Samstag in den Geschäften einkaufen – da ist der Sonntag der einzig verbleibende Tag, an dem so etwas wie Ruhe stattfindet. Das ist auch wichtig, damit Familien wenigstens an einem Tag in der Woche zusammenkommen können. Und damit die Kirche, Kulturveranstalter oder Sportvereine Angebote machen können.
Wir leben in einer Zeit, in der man über digitale Medien permanent erreichbar ist und auch um 2 Uhr nachts online shoppen kann. Wie passt der freie Sonntag noch dazu?
Wir müssen uns fragen, ob diese Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft die Entwicklung ist, die wir weiter laufen lassen wollen. Mit der Allianz treten wir dem entgegen. Denn wenn wir zu jeder Zeit einkaufen oder andere Dienstleistungen nutzen wollen, dann muss es auch Menschen geben, die dann arbeiten. Die Sonn- und Feiertagsruhe ist im Grundgesetz geschützt mit Ausnahmen wie im Krankenhausbetrieb oder in Kultureinrichtungen. Rein wirtschaftliche Interessen könnten diese Regeln bislang zum Glück nicht aushebeln. Auch im Online-Handel wird ja, anders als man vermuten könnte, sonntags nicht gearbeitet. Man kann zwar bestellen, aber bearbeitet wird das erst am Werktag.
Apropos. Gerade in der Pandemie geraten Geschäfte vor Ort gegenüber dem Onlinehandel ins Hintertreffen. Ist Corona eine zusätzliche Bedrohung für den freien Sonntag?
Es besteht die Gefahr, dass noch lauter nach Sonntagsöffnung gerufen wird. Das ist in Nordrhein-Westfalen ja auch schon geschehen, aber vom Gericht verhindert worden. Nicht nur dem Sonntagsschutz, sondern auch den Hygiene- und Abstandsregeln liefe eine Sonntagsöffnung in der Pandemie ja zuwider. Der stationäre Handel war auch vor der Coronapandemie schon länger in der Bredouille. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Mit vermehrter Sonntagsöffnung kommen wir der Lösung des Problems nicht näher.
Was wünschen Sie sich zum 1700. Geburtstag des freien Sonntags?
Dass das Bewusstsein für den Wert des arbeitsfreien Sonntags wieder wächst. Der Sonntag ist ja nicht nur ein kirchliches Thema, wie mancher denken mag, sondern ein hohes gesellschaftliches Gut. Ich bin grundsätzlich zuversichtlich, dass wir noch viele Jubiläen des freien Sonntags feiern können. Denn bisher hat die Rechtsprechung den grundgesetzlichen Schutz des Ruhetags immer wieder betont. Wir sehen unsere Aufgabe darin, in künftigen Angriffen auf die Arbeitsruhe in der gesellschaftlichen Diskussion entschieden entgegenzutreten. (Von Katja Rudolph)

Kasseler Allianz vor 10 Jahren gegründet

Bundesweit gibt es 80 regionale Allianzen für den freien Sonntag. Sie laden für Mittwoch, 3. März, 11 bis 13 Uhr, zur Veranstaltung „1.700 Jahre freier Sonntag“ ein. Das Jubiläum kann im Livestream auf allianz-fuer-den-freien-sonntag.de verfolgt werden. Festredner sind Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) und Rechtsanwalt Friedrich Kühn, der Grundsatzurteile zum Schutz des freien Sonntags erstritten hat. Die nordhessissche Allianz wurde 2011 gegründet, Träger sind das Referat Wirtschaft-Arbeit-Soziales der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, die Katholische Arbeitnehmerbewegung, der DGB und Verdi. Im 13-köpfigen Leitungskreis arbeiten Vertreter der Trägerorganisationen, der Katholischen Kirche und der Kolpingsfamilie. Zudem gibt es 50 Unterstützer der Allianz, wozu sowohl Einzelpersonen, Händler und weitere Institutionen gehören.

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