Gerda Brencher war eine Institution

Buchhandlung Brencher in Bad Wilhelmshöhe besteht seit 75 Jahren

Der Inhaber der Kasseler Buchhandlung Brencher, Jörg Robbert, (von links) mit den Mitarbeiterinnen Jenny Hackelbörger und Simone Recknagel.
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Junge Ideen im Traditionsladen: Inhaber der Buchhandlung Brencher, Jörg Robbert, (von links) mit den Mitarbeiterinnen Jenny Hackelbörger und Simone Recknagel.

Als Jörg Robbert im Jahr 2010 – damals noch Inhaber der Buchhandlung am Bebelplatz – die Buchhandlung Brencher in Bad Wilhelmshöhe übernahm, wusste er, dass er in große Fußstapfen tritt.

Kassel. Vorgängerin Gerda Brencher war eine Institution. Sie war 88 Jahre alt, hatte 65 Berufsjahre auf dem Rücken und war gerade in den Medien als „älteste Buchhändlerin Deutschlands“ gefeiert worden. Ihr Lebenswerk, das in der Nachkriegszeit mit einer Leihbücherei an der Wilhelmshöher Allee 283 begonnen hatte, und später zur renommierten Buchhandlung Brencher im Stadtteil wurde, wollte die resolute Gerda Brencher in gute Hände abgeben. Es sollte weiterleben und gedeihen.

Sie habe jemanden gesucht, der die Buchhandlung in ihrem Sinne „mit Leidenschaft“ weiterführt, erinnert sich Jörg Robbert: „Ich fand’s klasse, als sie mich 2009 ansprach.“ Weil er gern Neues ausprobiere, nahm er die Herausforderung an.

Ein Leben für Bücher: Gerda Brencher (1922-2015) archiv

Zunächst führte Robbert die Buchhandlung Brencher parallel zu seinem Geschäft im Vorderen Westen. „Schreiben Sie auf keinen Fall: als Dependance“, sagt er. „Das war sie nie.“ Vielmehr wurde Brencher bald zum Flaggschiff und Robbert, der sich außerdem stärker auf seinen Verlag „Kasseler Perspektiven“ für Postkarten, Mundart und Regionales konzentrieren wollte, trennte sich schließlich von der Buchhandlung am Bebelplatz, die er selber 25 Jahre zuvor gegründet hatte.

Am Anfang sei die alte Dame noch regelmäßig vorbei gekommen, erinnert sich Robbert („Sie hat ja in der Buchhandlung, wo sie immer ein Mittagsschläfchen hielt, quasi gelebt.“) Und sie habe mit großer Genugtuung festgestellt, dass der Laden mit seinen Schwerpunkten Belletristik, Krimis und Anthroposophie sowie einem umfangreichen Sortiment an Kinderbüchern ganz in ihrem Sinne arbeitete.

Im Andenken an die unvergessene Gründerin feiern Robbert und sein zehnköpfiges Team jetzt 75-jähriges Bestehen. Gerda Brencher starb 2015 im Alter von 93 Jahren. Es war das gleiche Jahr, in dem die Buchhandlung in größere Räume, ein paar Häuser stadteinwärts, an die Wilhelmshöher Allee 230 /Ecke Kunoldstraße umzog. Vor Kurzem hat sie sich hier auf 90 Quadratmeter vergrößert. Im Vergleich zur ehemaligen vollgestopften 50-Quadratmeter-Mini-Buchhandlung Brenchers gibt es jetzt ein helles, geräumiges, einladendes Ladenlokal.

Robbert ruht sich nicht auf Lorbeeren aus, sondern tüftelt ständig an Neuem. „Ich bemühe mich, gegen die Schere zwischen Alt und Jung vorzugehen.“ Er lädt zu Lesungen und zum Lyrik-Festival ein und bietet kleinen Verlagen eine Bühne wie bei der Veranstaltung „Literarische Vielfalt“, zu der er im März zum zweiten Mal eingeladen hatte.

Corona brachte ihn dazu, ein „lang gehegtes Vorhaben“ umzusetzen: das umweltfreundliche Büchertaxi, ein Lastenfahrrad, auf dem im Wechsel ein Rentner, ein Student und Robbert selbst strampeln, um Lesefutter an die Frau und den Mann zu bringen. In Lockdown-Zeiten sei man zusätzlich mit dem Auto unterwegs gewesen, einfach, weil die Nachfrage nach Büchern so groß war. Täglich ist das Bücherfahrradtaxi mit 160 kg Ladevolumen in der Stadt unterwegs. „Hier liefert nicht Amazon, sondern Brencher aus Bad Wilhelmshöhe“, sagt Robbert. „Das kommt bei den Kunden gut an und macht außerdem Spaß.“

Die Freude, mit der er Brenchers Werk weiterführt, ist nicht zu übersehen: „Buchhandlungen leben vom Spirit der Buchhändler“, ist er überzeugt. Er sehe mit großer Zuversicht in die Zukunft. Gerade habe er den Mietvertrag um zehn Jahre verlängert. Die nächsten Jubiläen können kommen.

Infos: buchhandlung-wilhelmshoehe.de

Von Christina Hein

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