Chefredakteur Horst Seidenfaden über seine Heimat

"Ein Brief an meine Stadt" - Horst Seidenfaden über seine Heimat

Winterliche Morgenstimmung: Für manche ist es einfach ein schönes Foto, andere sehen hier ein Stück Heimat. Die Aufnahme zeigt den Blick von der Rasenallee in Harleshausen Richtung Osten. Foto:  Koch

Es gibt einen Punkt, oben an der Rasenallee, kurz vor dem Abzweig zur Wolfhager Straße, da blickt man hinunter über Harleshausen und das gesamte Kasseler Becken. Man ist so weit von der Stadt entfernt, dass außer einigen markanten Punkten wie der Martinskirche kaum Details zu erkennen sind.

Man ist nicht hoch genug, um die Straßenzüge zu sehen. Die Stadt liegt ruhig da, das pulsierende Leben, das eine Stadt ausmacht, ist nicht sichtbar - vielleicht gibt das Grundbrummen der Verkehrsgeräusche einen Hinweis darauf, was da unten in Wahrheit ununterbrochen los ist. Und wenn man da steht und blickt auf diese Stadt als Ganzes und hat ein warmes Gefühl dabei im Herzen - dann kann man wohl sagen, dass man seine Heimatstadt liebt.

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In dieser Stadt wurde ich geboren, bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe einen Beruf erlernt, meine Kinder sind hier geboren worden - ein möglicherweise typischer nordhessischer Lebenslauf. Kasseläner (bin ich eigentlich nicht, denn mein Vater stammt aus der Pfalz) sind, wie es in der grob-direkten Kasseler Sprache heißt, „Kleweärsche“. Man bleibt, wo man ist. Oder man kommt irgendwann zurück.

Das war schon früher so - bei der Völkerwanderung waren die Chatten der einzige Volksstamm, der im Lande blieb. So denkt der typische Kasseläner heute noch: Wenn alle Welt „üwwerall rumrammelt, dann bliewet hä daheime, das muss ja au einer machen!“

1100 Jahre wird meine Stadt also heute alt. Ich gratuliere Dir von Herzen und bin sehr stolz auf Dich. Weil Du, obwohl Du lange gebraucht hast, Dich mit allen Ungerechtigkeiten der Geschichte (konnte die innerdeutsche Teilung nicht weiter im Norden stattfinden?), Schicksalsschlägen (wie die Zerstörung im Krieg und die zweite Zerstörung durch den Wiederaufbau) und politischen Desasterentscheidungen (wie die ausgebliebene Gebietsreform) abzufinden und all das quasi auszusitzen.

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Die Mentalität der Ureinwohner, und zu denen zähle ich mich, hilft dabei - was sich ja auch in der Sprache ausdrückt. „’S muss!“, sagt man auf die Frage, wie es einem geht. Gläser sind hier nie halb voll sondern immer halb leer - was Zugereiste maßlos aufregt. Nur die, die das so sagen, eben nicht. Denn sie wissen, dass es ihnen gut geht - aber muss das gleich jeder andere auch wissen? Auch das ist Selbstbewusstsein - und davon haben wir hier jede Menge. Schließlich ist Kassel die Mitte Deutschlands - und was wäre ein Land ohne seine Mitte? Kaum vorstellbar, oder?

Wir sind also wer - das allein wäre ein Grund zum Feiern, wenn wir nicht so selbstbewusst bescheiden wären. Denn wir haben das schließlich immer gewusst. Und schauen lieber auf die nächsten 1100 Jahre. Es wird als was sein, garantiert. Und der eine oder andere Kasseler wird alszus mähren. Dann heißt es wieder: Hä mährt als. Und, liebe Zugereiste, das ist auch gar nicht schlimm.

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Schlimm wäre es, wenn er anken würde. Und dabei auch noch gagen. Und ganz schlimm und bedauernswert, wenn aus dem Gagen ein Gauzen würde. Was das heißt, wollen Sie wissen, die mit dem rustikalen Kasseler Sprachklang noch nicht vertraut sind? Vielleicht so viel: Solange man in Kassel mährt, ist alles okay. Sollte das mal ausbleiben, läuft was falsch in der Stadt, dann ist Zeit, über eine Gebietsreform nachzudenken, und da käme nur die Eingemeindung von Frankfurt infrage.

Goldene Zeiten stehen Dir also bevor, meine Heimatstadt. Ich freue mich mit Dir darauf.

Dein Horst Seidenfaden

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