Forscher der Universität Kassel untersuchen Arbeitsplätze mit Spezialkameras

Brille zeigt den Stress

Futuristisch: Während der 40-Jahr-Feier der Uni Kassel präsentierte Joachim Koch, Mitarbeiter am Fachgebiet Arbeits- und Organisationspsychologie, die Blickerfassungsbrille in Verbindung mit einem neuartigen Cyber-Anzug, der Bewegungen erfassen kann. Foto: Herzog

Kassel. Wie reagieren Flugzeugpiloten bei einem Triebwerksausfall? Und was machen Narkoseärzte, wenn im Operationssaal plötzlich alles schiefläuft? Wissenschaftler des Fachgebiets Arbeits- und Organisationspsychologie der Uni Kassel erforschen mithilfe einer Blickerfassungsbrille Stress am Arbeitsplatz. Dank spezieller Kameras am Brillengestell können die Forscher um Prof. Dr. Oliver Sträter (47) in simulierten Situationen die Arbeitsplätze aus Sicht der jeweiligen Arbeitnehmer sehen - und so deren Arbeitsalltag verbessern.

Ein Beispiel: Damit Piloten stets auf technische Probleme in der Luft vorbereitet sind, müssen sie regelmäßig im Flugsimulator Notfälle wie einen Triebwerksausfall trainieren. Sträter und sein Team haben ihnen eine Blickerfassungsbrille aufgesetzt, um herauszufinden, wo sie in welchen Situationen hinschauen.

Das mit zwei kleinen Kameras versehende Brillengestell funktioniert wie ein Funkgerät, sagt Marcus Arenius, wissenschaftlicher Mitarbeiter an Sträters Fachgebiet. Während die eine millimetergenau Blicke aufzeichnet, nimmt die andere ein Video der Pupille auf. Zur direkten Auswertung lassen sich die Livebilder auf einen Laptop übertragen und direkt analysieren. „Das Besondere an unserer Blickerfassungsbrille ist, dass sie mobil ist und eine Reichweite von bis zu zehn Kilometern hat“, sagt Sträter, der die Spezialbrille mitentwickelte. So ließen sich beispielsweise auch Feuerwehrleute bei einer Übung auf großem Gelände hautnah begleiten, sagt Arenius.

„Wir möchten Systeme gestalten, die mögliche Fehler speziell an Arbeitsplätzen auffangen, an denen Menschen binnen kurzer Zeit mit vielen Informationen konfrontiert werden“, sagt der Professor. Allerdings gehe es keineswegs darum, Arbeitnehmer bloßzustellen, betont er. „Für uns gibt es keine Fehler, die Menschen begehen, sondern nur technische Systeme, die Fehler vermeiden“, ergänzt Arenius. Vielmehr dienten die ausgewerteten Bilder der Sicherheit und Ergonomie am Arbeitsplatz. „Gerade in Stresssituationen zeigt sich, welche Displays und Instrumente im Cockpit überhaupt von den Piloten beachtet werden, und wo genau sie während des Flugs hinschauen“, sagt Arenius.

Nach den Tests im Flugsimulator hat sich herausgestellt, dass die Piloten am besten auf einen Triebwerksausfall reagiert haben, die regelmäßig aus dem Fenster sahen, um beispielsweise auch die Wolken zu beobachten. „Durch die Blickerfassungsbrille wissen wir, dass Piloten im Ernstfall wichtige Informationen entgehen, wenn sie sich nur auf ihre Instrumente verlassen“, sagt Arenius.

Geplant ist, dass künftig auch Anästhesisten für Tests mit der Spezialbrille ausgestattet werden. Die Ergebnisse sollen dann ins Trainingsprogramm der Mediziner einfließen. Foto: Schaffner

Von Sebastian Schaffner

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