Inge Wurf

Ururenkelin von Märchensammler Wilhelm Grimm ist mit 79 Jahren gestorben

Inge Wurf

Kassel. Sie war eine wertvolle Quelle für die Grimm-Forschung: Inge Wurf, die Ururenkelin von Wilhelm Grimm (1786 bis 1859) lieferte Wissenschaftlern zahlreiche Details aus dem Leben ihrer berühmten Vorfahren.

Besonders Prof. Dr. Holger Ehrhardt (Uni Kassel) und Dr. Berthold Friemel (Humboldt-Uni Berlin) profitierten in den vergangenen acht Jahren davon.

Die Märchen der Brüder Grimm im RegioWiki

Wurf, die im vergangenen Jahr bereits den Nachlass ihrer Familie für die Grimm-Welt in Kassel zur Verfügung gestellt hatte, ist im Februar im Alter von 79 Jahren gestorben. Sie wurde in Haldensleben (Sachsen-Anhalt) neben ihrer Großmutter Albertine Plock, der Enkelin von Wilhelm Grimm, und ihrer Urgroßmutter Agnes Oestreich, die mit Wilhelm Grimms Sohn Rudolf eine Tochter hatte, beigesetzt.

„Sie hätte noch viele Geschichten für unsere Sammlung beisteuern können“, sagt Ehrhardt. Aus gesundheitlichen Gründen habe es Wurf, die Landwirtschaft studiert hatte und in der DDR in der Geflügelzucht arbeitete, nicht mehr geschafft, ihre Memoiren zu schreiben.

Nichtsdestoweniger hat Wurf Dinge aus dem Leben der Familie erzählt, die für die Wissenschaftler sehr wichtig sind. So hat sie berichtet, dass ihre Mutter einer Nachbarsfamilie 1945 einen Tisch geschenkt hat, den Wilhelm Grimm einst für seinen Bruder Jacob anfertigen ließ. Mithilfe von „Google Earth“ ermittelte Ehrhardt mit ihr das Haus der Nachbarn. Dorthin will Ehrhardt demnächst fahren, um den Tisch, der von Fotografien und Aquarellen aus der Grimm-Ära bekannt ist, zu suchen.

Das wäre ein schönes Ausstellungsstück für das Museum auf dem Weinberg. Ehrhardt, der Inge Wurf oft besucht hat, berichtet, wie die Frau die Alltagsgegenstände der Grimms nutzte. „Bei ihr haben wir Löffel mit den Initialen GVA benutzt.“ Das steht für Gisela von Arnim. Die Schriftstellerin war mit dem Kunsthistoriker Herman Grimm, einem Sohn von Wilhelm Grimm, verheiratet. In einer Garage hätten Bücherregale der Grimms gestanden. Sie habe eine Lupe benutzt, die einst Jacob gehörte. Wurf habe erzählt, dass die Lupe eine Sonderanfertigung war.

Sie habe einen kurzen Griff gehabt, damit Jacob, der von der Gicht geplagt wurde, sie habe halten können. „Ich habe Grimm’sche Züge in ihrem Gesicht wahrgenommen“, sagt Ehrhardt über Inge Wurf. Sie sei den Sprachforschern und Märchensammlern aber nicht nur äußerlich ähnlich gewesen, sondern habe auch ein sehr gutes Gedächtnis gehabt. „Sie war eine Sammlerin.“ Sie habe Zeitungsartikel gesammelt, „nicht wild, sondern thematisch“, sagt Ehrhardt. „Ihre Zettelwirtschaft hat mich an die Brüder Grimm erinnert.“ Inge Wurf sei sehr stolz auf ihre Ahnen gewesen und wusste ihr Erbe zu schätzen.

Das ist jetzt Aufgabe ihrer Nachkommen. Sie hinterlässt eine Tochter und zwei Enkeltöchter. Ihr Urenkel wird demnächst geboren, der fünffache Urenkel von Wilhelm sozusagen.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Auf Schatzsuche nach Jérômes Degen 

Die Grimm-Wissenschaftler Prof. Dr. Holger Ehrhardt (Kassel) und Dr. Berthold Friemel (Berlin) werden demnächst zu Schatzsuchern. Inge Wurf, die Ururenkelin von Wilhelm Grimm, hat den beiden Männern vor ihrem Tod anvertraut, wo ihre Familie einen historisch bedeutsamen Degen vergraben hat, der einst Jacob Grimm (1785 bis 1863) gehörte.

Inges Onkel hatte das gute Stück nach dem Zweiten Weltkrieg vergraben, weil damals der Besitz von Waffen verboten war. Den Degen habe Jacob Grimm tragen müssen, als er zwischen 1808 und 1813 als Vorsteher der Privatbibliothek von Königs Jérôme von Westfalen (1784-1860) auf Schloss Wilhelmshöhe gearbeitet hat, erzählt Ehrhardt. Sobald der Degen gefunden worden ist, werden wir weiter berichten. (use)

Von Wilhelm Grimm bis Inge Wurf

Inge Wurf (1934 bis 2014) war die Tochter von Aribert Plock, der im Zweiten Weltkrieg in Südfrankreich gefallen ist. Aribert hatte noch einen Bruder, Marko Plock, der im Jahr 2012 gestorben ist. Aribert und Marko waren die Söhne von Albertine Plock, geborene Oestreich. Albertine (1881 bis 1974) war die außereheliche Tochter Rudolf Grimms (1830 bis 1889). Rudolf war ein Sohn von Wilhelm Grimm (1786 bis 1859) und Dorothea Wild (1793 bis 1867). (use)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.