Leser erzählen von ihren Erinnerungen

Da Bruno schließt nach 54 Jahren - Leser erzählen

Feierte den Treppenabriss im „da Bruno“ mit Frau und Freunden: Oberbürgermeister Georg Lewandowski (Vierter von links) war glücklich, dass er am 27. August 2000 sein Wahlversprechen einlösen konnte. Archivfoto:  Herzog

Kassel. Einer der aufregendsten Abende war Sonntag, 27. August 2000. Auf dem Königsplatz ließ der damalige Oberbürgermeister Georg Lewandowski die von vielen Bürgern nicht geliebte Treppe abreißen.

Dabei ließ sich der Christdemokrat auch nicht von der Tatsache stören, dass sein Handeln rechtswidrig war. Der Treppenabriss war schließlich sein Wahlversprechen gewesen. Diesen Erfolg feierte er ausgelassen mit anderen Treppengegnern auch im italienischen Restaurant „da Bruno“. Endlich habe er bewiesen, dass Politik handlungsfähig sei, erzählte der OB dort einigen Journalisten.

Für Roberto Ortolano, der das Restaurant jetzt nach 54 Jahren am Königsplatz schließen musste, war dies einer der „dramatischsten Abende“. Wir haben unsere Leser aufgefordert, ihre Erinnerungen an Kassels ältesten „Italiener“ für uns aufzuschreiben.

Leser Peter Röse berichtet von einem Wettessen im Jahr 1958: „Wir waren damals Pennäler des Friedrichsgymnasiums und um die 16/17 Jahre alt.“ Der Freundeskreis - bestehend aus Peter Röse, Hartmut Crede, Rüdiger Pahl - traf sich zum fröhlichen Beisammensein. In der angeregten Stimmung wettete Peter Röse mit Hartmut Crede, dass er zehn Portionen Spaghetti vertilgen könne. „Wir zogen zum ,da Bruno’ gegen 18 Uhr, und das Wettessen begann.“ Der Besitzer hörte von der Wette und bezeichnete die Angelegenheit als „stupido“ (dumm). „An drei Portionen kann ich mich erinnern. Auch noch daran, dass mir als Erschwernis ein Stück Butter extra aufgelegt wurde. Danach habe ich kapituliert und durfte alles bezahlen, Essen sowie die Getränke. Es war eine schöne unbeschwerte Zeit.“

Feierten Silvester 1974 tagsüber im „da Bruno“: Leser Wolf G. Neetzow (links) schickte das Foto. Neben ihm ist der damalige Chef Toni Nadalet zu sehen. Foto:  Privat /nh

Wolf G. Neetzow erinnert sich an die Feiern zu Silvester im „da Bruno“. Damals - unter Toni Nadalet, der das Lokal von 1967 bis 1997 führte, sei es Tradition gewesen, ein „Silvester-Vormittags-/Mittags-/Nachmittags-Reinfeiern“ zu veranstalten.

Wolfgang Knierim schreibt, dass die Ursprünge des „da Bruno“ nicht am Königsplatz lagen, sondern Mitte der 50er- Jahre am Martinsplatz, wo die Eltern Ortolano aus Düsseldorf ihrem Sohn Bruno das wohl erste italienische Lokal in Kassel einrichteten. „Wir trafen uns regelmäßig mit einem Freundeskreis dort, um das für uns neuartige Essen, unter anderem selbst gemachte Ravioli, zu essen.“ Hieraus habe sich eine Freundschaft mit Bruno Ortolano entwickelt. Die Freundschaft habe sich dann auch auf Ortolanos damaligen Kellner und späteren Betreiber des „da Bruno“, Toni Nadalet, übertragen.

Leserin Marianne Selbmann erinnert daran, dass die Schriftstellerin Christine Brückner, die lange in Kassel lebte und auch hier starb, das „da Bruno“ in ihrem 1960 erschienenen Roman „Ein Frühling im Tessin“ erwähnte. „Nicht viele Restaurants können das von sich sagen. Schade, dass es nun aus der Kasseler Innenstadt verschwinden wird“, schreibt Selbmann.

In meiner Jugend habe ich die drei Ortolano-Söhne, wobei Roberto der zweitgeborene war, nachmittags betreut“, schreibt Jutta Schleiffer (60). „Frau Ortolano hat mich nachmittags des Öfteren mit den Kindern in die Stadt geschickt, um kleinere Einkäufe zu tätigen. Danach ging es immer zum Essen zu ,da Bruno’. Wir gingen meistens zuerst in die große, saubere Küche. Dort wurden wir sehr herzlich begrüßt und das Schönste war das Aussuchen der guten Pizzen oder der leckeren Spaghetti.“

Die Anfänge: Giuseppe Valle arbeitete 1958 bei Bruno Ortolano. Damals war das „da Bruno“  am Martinsplatz. Foto:  Privat

Wir waren damals (1968) ein frisch verliebtes Pärchen (ich 24, meine Frau/damalige Freundin 21) und das ,da Bruno’ war unser Lieblingsitaliener!“, schreiben Regina und Klaus Schneider, die heute in Bielefeld leben. „Nachdem wir einmal das Essen bestellt hatten, konnten wir es nicht lassen, die Wartezeit zwischendurch mit ein paar Küssen zu überbrücken. Da kam der Ober an unseren Tisch und sagte: ,Hier wird nicht geküsst, hier wird nur gegessen und getrunken!’ Das sagte der Ober allerdings mit so einem schelmischen Unterton, dass wir zwar das ,Schnäbeln’ reduziert haben, aber so ganz kussfrei ging der Abend im da Bruno doch nicht zu Ende.“

Sybille Gath aus Schauenburg kann sich noch ganz genau an die Anfänge erinnern. „Mein damaliger Verlobter Giuseppe Valle durfte mit einer Ausnahme-Genehmigung bei Bruno Ortolano arbeiten. Das war seinerzeit, 1958, sehr schwierig, da es noch keine Gastarbeiter gab. Ich war damals dem Signore Ortolano sehr dankbar, dass er uns geholfen hat, ein bisschen zu verdienen. Inzwischen ist aber diese Verlobung auseinandergegangen, der gute Giuseppe war die ,harte Arbeit in Germania’ dann doch nicht gewöhnt ...“

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