Prozessauftakt: Zwei Männer sollen wehrlosen Betrunkenen zusammengetreten haben

Brutaler Überfall ohne Opfer

Kassel. Wer Krimis mag, wird dem „Mord ohne Leiche“ schon oft begegnet sein: Folgen von „Tatort“ tragen diesen Titel, oder ein Hörspiel mit Sherlock Holmes. Die Kasseler Realität kann damit nun wenigstens ein bisschen mithalten: Das Amtsgericht versucht derzeit, einen Überfall ohne Opfer aufzuklären.

Eines frühen Samstagmorgens im September sollen zwei junge Männer vor der Hauptpost am Holländischen Platz einen wehrlosen Betrunkenen brutal zusammengetreten haben. Doch während sie unmittelbar danach gefasst wurden und jetzt wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung auf der Anklagebank sitzen, ist ihr mutmaßliches Opfer spurlos verschwunden. „Als wir das Wort ‚Polizei’ gesagt hatten, ist er weggerannt“, erzählt eine 19-Jährige, die dem Mann zu Hilfe gekommen war. Trotz seiner blutigen Verletzungen. Auch medizinische Hilfe habe er verweigert.

Bis heute wurde der schlanke und großgewachsene Mittdreißiger, der nach Einschätzung der jungen Frau nicht nur unter Alkohol, sondern auch kräftig unter Drogen gestanden hat, nicht aufgespürt. Und so kann er nicht widersprechen, wenn ihn die Angeklagten zum Angreifer erklären. Der Mann sei auf sie zugetorkelt und habe sich auf die Frau gestürzt, mit der sie an jenem Morgen unterwegs waren, erzählt ein 22-Jähriger. Als die Frau auswich, sei er einfach umgefallen. „Er versuchte dann, uns zu schlagen, und hatte mich am Fuß gepackt“, sagt der Mann, der sich genauso wie sein 18 Jahre alter Mitangeklagter bloß gewehrt haben will. „Wir haben nicht auf ihn eingetreten“, beteuert er. „Was in der Anklageschrift steht, stimmt nicht – wenn wir ihn so zugerichtet hätten, hätte er nicht mehr aufstehen können.“ Fast wörtlich wiederholt das später auch die nicht mitangeklagte Begleiterin.

Was dagegen die 19-Jährige berichtet, die mit ihrem Auto zufällig am Tatort vorbeikam und die Auseinandersetzung mit Hupen und Schreien beendete, klingt anders. Sie spricht von einer brutalen Attacke der Angeklagten. „Aus Spaß“, sagt sie. „Die haben gelacht.“

Dann schildert die Frau, wie das Trio an dem Betrunkenen vorbeigegangen sei, gestoppt und sich beraten habe: „Das wirkte wie: Hast du Lust, den zusammenzuschlagen?“ Das sei dann passiert.

Dass auch die Freundin der Angeklagten mitgemacht hat, schließt die 19-Jährige kategorisch aus – wovon ein anderer Zeuge freilich genauso felsenfest überzeugt ist. Der Prozess wird fortgesetzt. (jft)

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