Wie die Bürger in den Kasseler Stadtteilen zu ihren Spitznamen kamen

Sie sind nach kulinarischen Spezialitäten benannt, nach Tieren, Berufen und den Eigenarten der Menschen, die dort leben - die Spitznamen für die Bewohner der alten Kasseler Stadtteile. Wir erklären die Geschichten und Geschichtchen hinter „Pääreschwänzen“, „Änden“ und vielen mehr.

Bettenhausen: De Sackstopper (Sackstopfer)

Der Spitzname "Sackstopper" für die Bettenhäuser, hat einen ganz realen Hintergrund. In Bettenhausen lebten die Bewohner tatsächlich vom Stopfen, Nähen und Weben. 

Kirchditmold: De Zäjenböcke

Würden die Kirchditmolder heute ein Heimatfest feiern, es würde höchstwahrscheinlich „Ziegenfest“ oder „Zäjenfest“ heißen, nennt man die Einwohner doch „De Zäjenböcke“. 

Für den Ziegenbock im Wappen gibt es gleich zwei Erklärungen. So soll es in dem ehemals größten Ort im Kasseler Becken, der bis 1333 Diethmelle hieß, einst eine heidnische Kultstätte gegeben haben, an der einer Gottheit Ziegen geopfert wurden. Schlüssige Beweise gibt es dafür jedoch nicht.


Niederzwehren: De Bratwirschte (Bratwürste)

Der Spitzname der Niederzwehrener „De Bratwirschte“ (Bratwürste) geht auf eine Spezialität des Stadtteils zurück. Die Metzger dort hatten den Ruf, besonders leckere Bratwürste zuzubereiten, die auch in den zahlreichen Wirtshäusern an der Frankfurter Straße serviert wurden. Hier kehrten die Fuhrleute, bevor sie Kassel Richtung Süden verließen, gerne ein. Auf ihren weiteren Wegen verbreiteten sie die Kunde von den feinen Zwehrener „Bratwirschten“. 

Überlebt hat der Name bis zum Jahre 2011 in dem Zwehrener Volksfest „Bratwurstkirmes“.


Nordshausen: De Schdinnewerfer (Steinewerfer)

Zu Festen in Zwehren und zum Einkaufen kommen heute auch die Nordshäuser. Das war nicht immer so. Zwar kamen die „Schdinnewerfer“ (Steinewerfer), wie sie im Volksmund heißen, schon früher gerne über den Bahndamm der Naumburger Bahn nach Zwehren rüber. Doch sie waren dort nicht gerne gesehen, weil sie den Zwehrener Mädchen allzu häufig erfolgreich den Hof machten.

Ein Grund für die Zwehrener Jungs, die Eindringlinge zu vertreiben. Von regelrechten Verfolgungsjagden ist die Rede. Allerdings nur bis zum Bahndamm. Denn dort nahmen die Nordshäuser die Schottersteine in die Hand und vertrieben die Mitbewerber mit gezielten Würfen - was ihnen besagten Spitznamen einbrachte.


Harleshausen: De Ossen (Ochsen)

Handgreiflich wurden gelegentlich auch die Harleshäuser. Allerdings nicht gegenüber Menschen. Ihnen waren die Auerochsen von Landgraf Moritz (1592 - 1627) ein Dorn im Auge, denn die verwüsteten ihre Felder. Ihren Ursprung hat die Bezeichnung der Bewohner in Harleshausen in einer Legende aus dem Jahre 1604. 

Nach wiederholten Gesuchen  auf Entschädigung, die allesamt abgelehnt wurden, rückten die Harleshäuser eines Tages im Jahre 1604 aus, um einen Ochsen mit Mistgabeln zu erlegen. Das Tier wurde geschlachtet, das Fleisch unter den Beteiligten aufgeteilt.

Einer muss dabei zu kurz gekommen sein, denn er verriet die Täter, die zu Bußgeldzahlungen verurteilt wurden. Dies brachte ihnen den Spottnamen „de Ossen“ (die Ochsen) ein. Heute erinnern eine Gedenktafel an der Stelle im Lückenrod, an der der Ochse erschlagen wurde, und ein Ochsenkopf an einem Haus Ecke Wolfhager Straße/Eschebergstraße an die „Befreiungstat“. Als solche wurde sie bis Mitte des 19. Jahrhunderts mit Ossenfesten gefeiert.


Wehlheiden: De Warenrungen (Wagenrungen)

Alljährlich zur Kirmes ziehen sie durch die Gassen des Stadtteils: der Kirmesvater und seine Wehlheider Jungen, eine Wagenrunge in der Hand und rufen laut „Wehlheider Jungen, viel besungen, sind und bleiben Wagenrungen.“ Dank dieses Brauchtums ist der Spitzname „Wagenrungen“ für die Wehlheider wohl der bekannteste in Kassel. Er geht auf ein Ereignis im 16. Jahrhundert zurück. Zu jener Zeit gab es dort 21 vierspännige und zwei dreispännige Fuhrwerke, mit denen Braunkohle aus dem Habichtswald geholt wurde. 


Rothenditmold: De Pähreschwänze (Pferdeschwänze)

Rothenditmold war der Stadtteil mit den meisten Pferden. Wenn man einen Fuhrmann brauchte, etwa um Holz im Habichtswald zu holen, holte man einen aus Rothenditmold. 

Im Ort gab es eine Jausenstation mit Pferdeboxen, in der die Fuhrleute auf dem Weg nach Kassel einkehrten und sich und ihre Tiere erfrischten und stadtfein machten. Dabei wurde besonderen Wert auf das Kämmen der Pferdeschwänze gelegt. Heute erinnern eine Wandmalerei unter den Drei Brücken und ein 1949 gegründeter Karnevalsverein, der sich allerdings "Pääreschwänze" schreibt, an jene Zeit. 


Wahlershausen: De Kieweschwänze (Kuhschwänze)

Die Spitznamen „Pähreschwänze“ (Pferdeschwänze) für die Rothenditmolder und Kieweschwänze (Kuhschwänze) für die Wahlershäuser lassen auf eine ähnliche Herkunft schließen. Doch die beiden nicht allzu weit voneinander entfernt liegenden Stadtteile unterschieden sich erheblich. In Wahlershausen wurde Landwirtschaft betrieben. Es gab dort große Weideflächen, auf denen viele Kühe weideten. So viele, dass sie sogar amtlich erfasst werden mussten.

Den Spitznamen „Kieweschwänze“ bekamen die Bewohner wohl als Abgrenzung zu den „Pähreschwänzen“ in Rothenditmold. 


Waldau: De Änden (Enten)

Auch die Waldauer haben einen Spitznamen aus dem Tierreich: „Änden“ (Enten). Sie haben es allerdings verstanden, dem einstigen Schmähbegriff eine positive Wende zu geben.

Eigentlich gab es zwei „Änden“ in der Region, die Waldauer und die Bergshäuser. Die Bewohner beider Dörfer hielten sich viele Enten - die Waldauer auf ihren feuchten, schmutzigen, aber für die Entenhaltung idealen Lehmböden, die Bergshäuser auf ihren Teichen. 

Den Waldauern allerdings sah man an ihrem Schuhwerk und schmutzigen Hosen die Entenhaltung an, weswegen sie gelegentlich sogar die „Dreckänden“ genannt wurden. Von den Bergshäusern und ihren Enten spricht heute niemand mehr, in Waldau jedoch wird alljährlich immer wieder die Entenkirmes gefeiert, in diesem Jahr vom 16. bis 18. Oktober.


Wolfsanger: De Spanschlauch-Biedel (spanisches Lauch)

Der Grund für den Spitznamen der Wolfsangerer ist dagegen ein harmloser. Die Gärtner dort konnten dank der guten Bewässerung durch die am Ortsrand vorbeifließende Fulda, eine Spezialität züchten: Spanisches Lauch (heute Porree genannt), das sie in Beuteln (= Biedel) verkauften.

Wenn sie damit zum Markt kamen, hieß es: „Gugge moh, da kommen de Spanschlauch Biedel.“ Nach diesem Spitznamen hat sich auch die 1959 gegründete Karnevalsgesellschaft in Wolfsanger benannt.


Kasseläner: De Windbiedel (Windbeutel)

Lange bevor die Kasseler Bevölkerung in Kasseler, Kasseläner und Kasselaner eingeteilt wurde, nannte man die Bewohner der Stadt „Windbiedel“. 

Kaum zu glauben, aber wahr: Überall in Deutschland isst man gern Windbeutel, doch kaum jemand weiß, dass der Name für die Süßspeise aus Kassel kommt. Das Rezept dazu brachte ein Bäckermeister namens Christian Voigt mit, den es im Siebenjährigen Krieg von der Saale an die Fulda verschlug. Hier erhielt das Gebäck dann seinen Namen. Kunden kamen von weither, um die neue Leckerei zu kaufen. So begann der Siegeszug des „Windbiedels“, der bei keinem traditionellen Kasseler Essen fehlen darf.

„Windbiedel“ nannten die Kasseler auch die Skulptur „Verpackte Luft“, die Christo 1968 zur documenta IV vor der Orangerie aufgebaut hatte. (wd)


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