Die Entwicklung Kassels vom Königshof zur Stadt war Thema bei „Die Region trifft sich“

Als das Bürgerrecht begann - Erinnerung an Geschichte Kassels

Präsentierten das Buch „Vom Königshof zur Stadt“: Sparkassen-Vorstandschef Ingo Buchholz (von links), Referent Prof. Bernd Schneidmüller, Herausgeberin Prof. Ingrid Baumgärtner, die Sparkassen-Vorstandsmitglieder Wolfram Ebert, Dr. Ralf Beinhauer und Jochen Johannink sowie vorn Verlegerin Renate Matthei. Alle Fotos:  Koch

Kassel. Im Mittelalter hätten es Kassels Stadtherren wohl keinesfalls durchgehen lassen, dass die Kasseler Sparkasse ihren traditionellen Regionaltreff mit 800 Gästen veranstaltet. Gegen übermäßig umfangreiche Festlichkeiten gab es anno 1423 einen städtischen Erlass.

So galten für Hochzeiten etwa die Höchstgrenzen von 50 Speiseschüsseln und maximal 100 Gästen – wer ohne Einladung kam, musste mit empfindlichen Geldstrafen rechnen.

Nicht bekannt ist, wer sich am Dienstagabend noch alles hereingemogelt hat in die riesige Gästeschar aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Kultur in der Sparkassen-Kundenhalle an der Wolfsschlucht. Zur Veranstaltung „Die Region trifft sich – die Region erinnert sich“ waren alle gekommen, um sich der 1100-jährigen Geschichte der Jubiläumsstadt Kassel zu versichern. Als Festredner zeichnete Mittelalterexperte Prof. Dr. Bernd Schneidmüller von der Uni Heidelberg nach, wie sich Kassel vom fränkischen Königshof zum privilegiert gelegenen städtischen Zentrum entwickelt hat. Dabei hatte er auch die Anekdote von der städtischen Anti-Prunk-Verordnung im Manuskript.

Schon immer in der Mitte

Wie die geografische Lage schon 913 auf den Frankenkönig Konrad und sein Gefolge gewirkt haben muss, kann laut Schneidmüller heute noch jeder ICE-Reisende nachempfinden, der „aus dunklen Tunneln“ plötzlich ins urbane Kasseler Becken eintauche. Kassel sei 913 wie heute „ein Knotenpunkt auf den Reisewegen“, sagte der Forscher, der kürzlich mit der These an die Öffentlichkeit trat, die sterblichen Überreste der 1033 gestorbenen Kaiserin Kunigunde könnten sich möglicherweise in der Kaufunger Stiftskirche befinden und gar nicht im Bamberger Dom bestattet sein.

Mit der Stadtgründung Kassels ist laut Schneidmüller die Geschichte des mittelalterlichen Reiches näher an die nordhessische Region gerückt. Als der Herrscher hier das Gründungsdokument ausfertigte, habe er an der fränkisch-sächsischen Reichsgrenze „Duftmarken setzen“ wollen. Da zu dieser Zeit in der neu gegründeten Stadt angeblich ein Mordplan gegen den Sachsenkönig Heinrich vereitelt wurde, könne man laut Schneidmüller durchaus sagen, „dass in Kassel die Zukunft der deutschen Geschichte gerettet wurde“.

Als wichtigste Errungenschaften der mittelalterlichen Epoche hätten „die Stadt als Lebensform und das Recht ihrer Bürger“ überdauert, sagte der Referent und warf auch ein Schlaglicht auf die Gastgeber: Die Vorläufer von Geldinstituten wie der Sparkasse hätten im Hochmittelalter mit grenzüberschreitenden Geldgeschäften begonnen und damit eine Wirtschaftsweise begründet, die auf dem „Vertrauen auf Bonität und Rechtschaffenheit“ basiert. Dass ein Reisender heute etwa in Asien ein kleines Plastikkärtchen in einen Automaten stecken könne und daraufhin Bares erhalte, sei im Prinzip „eine mittelalterliche Erfindung“.

Von Axel Schwarz

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