Heimleiter zu den Beurteilungen

Bürokratie frisst Zeit: 30 Prozent Arbeitszeit geht für Papierkram drauf 

Pflegeeinrichtungen und -dienste stehen auf dem Prüfstand: Unser Foto zeigt eine Alltagssituation in einem Pflegeheim in Leipzig. Foto: dpah/Porträtfoto: Hein

Kassel. Um mehr Qualitätssicherung zu erreichen, prüfen die Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) im Auftrag der Pflegekassen stationäre Einrichtungen und ambulante Pflegedienste. Sie kommen unangemeldet, stehen eines Morgens einfach vor der Tür.

„Bei uns ist das Prüferteam Anfang Januar, aufgetaucht,“ sagt Stephan Eigenbrodt, Leiter des Awo-Altenzentrums Käthe-Richter-Haus im Auefeld. Monatelang hatte man unter einer „gewissen Anspannung“ täglich damit gerechnet. Jetzt zählt die Einrichtung - eines von 22 Awo-Heimen in Nordhessen - mit der Gesamtnote 1,1 zu den Besten. Der Landesdurchschnitt liegt bei 1,5.

Wie fragwürdig die Bewertung ist, wird am einzigen Ausreißer des Käthe-Richter-Hauses deutlich: Eine 5 (unter lauter Einsen) gab es für das Kriterium: Systematische Auswertung der Eingewöhnungsphase.

Die war im Falle eines Bewohners, der erst drei Tage zuvor, einen Tag vor Silvester, aufgenommen worden war, noch nicht geschehen. „Natürlich hatte es eine Integrationsphase gegeben“, sagt Eigenbrodt. Sie war nur noch nicht niedergeschrieben und abgeheftet. Bürokratie wie das Dokumentieren der Tätigkeiten nehme inzwischen 30 Prozent der Arbeitszeit ein. Das sorge für Unmut und belaste die Mitarbeiter enorm. Sie hätten lieber mehr Zeit für die Pflege. Eigenbrodt glaubt aber auch daran, dass unterm Strich für die Bewohner mehr Qualität und Transparenz dabei herauskommen.

„Wir hatten Mängel bei der Dokumentation, nicht bei der Pflege“, sagt Jens Günter, der Leiter der seit zwei Jahren bestehenden Einrichtung Wohngruppenhaus „Schöne Aussicht“ in Harleshausen. Damit erkläre sich die Note 3,0 für seine Einrichtung. Er sieht diese schlechteste Bewertung für ein Kasseler Haus gelassen und empfiehlt jedem, der sich für ein Seniorenheim interessiert, dieses selbst in Augenschein zu nehmen und nicht nur auf die Benotung des MDK zu schielen. „In der Pflege sind wir super, die Bewohner fühlen sich wohl und unsere Anlage ist schön“, sagt er selbstbewusst: „Bei uns geht es vor allem um die Menschen, nicht ums Papier.“

Dass die Dokumentation oder strukturelle Fragen wie der Aufbau eines Beschwerdemanagements genauso gewichtet werden wie die Pflege selbst, sieht auch Marcel Missler, Leiter des Wohnstifts am Weinberg, als Schwäche des Prüfverfahrens. „Der Schwerpunkt muss anders gesetzt werden: Weg vom Formalismus, zurück zu Pflege und Betreuung der Bewohner.“ Missler schlägt vor, die Bewertung eher auszuformulieren und Stärken und Schwächen zu benennen, statt auf eine plakative Note zu setzen.

Dabei kann er mit der Zensur fürs Wohnstift zufrieden sein. Die ist zwar noch nicht veröffentlicht, sei ihm aber nach der Prüfung im Februar kürzlich mitgeteilt worden: 1,2.

Von Christina Hein und Katja Rudolph

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