Umweltschützer prangern Verschlechterungen an

BUND lehnt KVG-Netzreform für Busse und Straßenbahnen ab

Kassel. Die Fahrgäste der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) müssten eine Vielzahl massiver Verschlechterungen im Bus- und Straßenbahnverkehr hinnehmen, wenn die  Liniennetzreform in die Tat umgesetzt würde.

Diese Kritik kommt vom Kasseler Kreisverband im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Die Befürchtung, dass viele Fahrgäste „künftig der KVG den Rücken kehren werden, ist bei diesen enormen Verschlechterungen nur allzu berechtigt“, sagt BUND-Geschäftsführer Stefan Bitsch.

Mit der Netzreform wolle die KVG ihre Betriebskosten um eine Million Euro jährlich verringern. Die aus diesem Sparzwang heraus entstandene Netzreform sorge für wesentliche Verschlechterungen vor allem während der Schwachverkehrszeit abends und frühmorgens. Außerdem sei der Umfang der Änderungen im Kasseler Nahverkehr aus Fahrgastsicht so unüberschaubar und damit unzumutbar, dass das neue Konzept allein aus diesem Grund abzulehnen sei, erklärt Bitsch. Zudem sei das ab 2017 geplante neue Netzangebot mit sehr vielen Ausnahmen gespickt. Das erschwere nicht nur das Umsteigen, sondern ebenfalls die Merkbarkeit von Verbindungen.

An die KVG richten die Umweltschützer den eindringlichen Appell, das vorliegende Konzept zu überarbeiten. Die bisher geplante Netzreform „lehnen wir ab“, sagt Bitsch. Es sei offensichtlich, „dass an diesem Netzentwurf zu viel zurechtgeflickt worden ist“. Attraktiver werde der öffentliche Nahverkehr in Kassel so jedenfalls nicht. Um die Ziele des Kasseler Verkehrsentwicklungsplans mit einer Steigerung des öffentlichen Verkehrsanteils, der überfälligen Verbesserung der Luftqualität und der Reduzierung von Verkehrslärm zu erreichen, fordert der BUND den weiteren Ausbau und die Verbesserung des Nahverkehrs-Angebots.

Verschlechterungen im Tramverkehr

Für das künftige KVG-Liniennetz seien keine Erweiterungen des Tramnetzes, wie beispielsweise die dringend benötigte Tram nach Harleshausen, die in weiten Teilen fertig geplante Tram nach Waldau oder die beiden Verlängerungen der Linien 3 und 7 nach Fuldatal-lhringshausen oder ins Bossental berücksichtigt, kritisiert der BUND. Für den Streckenabschnitt in das Lossetal biete sich die Verlängerung der Linie 8 nach Oberkaufungen an. Für Fahrgäste aus Wolfsanger würde der Linientausch zwischen 6 und 7 bedeuten, dass sie bis 20 Uhr nicht mehr umsteigefrei in die Kasseler Innenstadt fahren könnten. Fahrgäste, die aus Fasanenhof, vom ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe oder vom Kulturbahnhof zum Klinikum Kassel gelangen wollen, müssten künftig ebenfalls umsteigen. Abends würde auf den innerstädtischen Hauptstrecken nur noch eine Tram alle 30 Minuten verkehren. Kritisiert wird zudem, dass es auf dem Streckenabschnitt der Linie 1 vom Bahnhof Wilhelmshöhe bis in den Bergpark Wilhelmshöhe Samstagfrüh zwischen 6 und 8 Uhr sowie sonn- und feiertags zwischen 6 und 11 Uhr keinen Regelverkehr mehr gibt. Sonntagvormittags komme man künftig nur noch zu Fuß oder mit dem Auto in den Bergpark, aber nicht mehr mit dem öffentlichen Verkehr.

Omnibusverkehr: Kein Stein bleibt auf dem anderen

Im Busverkehrsnetz bleibe kaum ein Stein auf dem anderen, kritisiert der BUND. Beispiel: Der Stadtteil Wehlheiden. Dort gebe es beim Wegfall der Buslinie 12 keine direkte Verbindung mehr in die Kasseler City. Gerade für Stadtteile ohne Tramanbindung sei eine direkte Busverbindung in die Innenstadt aber wichtig, um zumindest die heutige Attraktivität des öffentlichen Nahverkehrs zu erhalten. Massive Verschlechterungen beim Busangebot hinnehmen müsse auch der Stadtteil Harleshausen. Die Fußwege vom Nordwestrand Harleshausens zur nächsten Bushaltestelle würden so groß, dass von einer Erschließungslücke im öffentlichen Verkehrsnetz gesprochen werden könne. Die geplante Einführung von Anruf-Sammel-Taxis (AST) tagsüber werde abgelehnt. Das gelte vor allem für AST 27, das im Bereich der Heinrich-Schütz-Allee die heutige Buslinie 24 ersetzen soll. Dann wären die Siedlung documenta Urbana wie auch der Westfriedhof als zweitgrößter Friedhof der Stadt künftig ohne Regelverkehr. Vom Siedlungsrand der documenta Urbana müssten Fahrgäste 850 Meter bis zur nächsten Tramhaltestelle laufen. Dringende Empfehlung des BUND an die KVG: Das komplette Busnetz grundlegend zu überplanen, um diese Schwächen auszuräumen.

Nur noch alle 20 Minuten

Einige wichtige Buslinien sollen tagsüber nur noch im 20-Minuten-Takt fahren. Fraglich sei, wie dann Umsteigeverbindungen zwischen Bussen und den im 15-Minuten-Takt fahrenden Straßenbahnen funktionieren sollen. Deshalb empfiehlt der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), bei dem bewährten Takt von 15 Minuten tagsüber und 30 Minuten abends zu bleiben. Als nicht hinnehmbar erscheint dem BUND die Ausdünnung des Verkehrsangebotes während der Schwachverkehrszeit. Die Quasi-Halbierung des Angebots gelte nicht allein ab 22.30 Uhr, sondern auch samstags von 6 bis 8 Uhr sowie sonn- und feiertags von 6 bis 11 Uhr.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: Archiv/HNA

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