Herbert Gorzel tritt als Vorsitzender nicht mehr an - Kein Nachfolger gefunden

Bund der Vertriebenen aufgelöst

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Tanzvorführung beim Tag der Heimat: Die Gruppe der Siebenbürger Sachsen in der Tracht ihrer Vorfahren.

Kassel. 66 Jahre nach Kriegsende steht der Bund der Vertriebenen in Kassel vor der Auflösung. Die Dachorganisation der diversen Landsmannschaften von den Sudetendeutschen bis zu den Oberschlesiern und den Siebenbürger Sachsen schließt zum Monatsende ihre Geschäftsstelle.

„Wir haben keinen Vorstand mehr zusammenbekommen“, sagt Herbert Gorzel, der den Verband seit elf Jahren geführt hat. Der 70-Jährige tritt als Vorsitzender nicht mehr an, einen Nachfolger hat man nicht gefunden. Die Zahl der Mitglieder ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Lediglich die jüngste Landsmannschaft der Deutschen aus Russland hatte noch Zuwächse zu verzeichnen.

Nach dem Krieg fanden etwa 640 000 Vertriebene in Hessen eine neue Heimat, viele davon in Kassel und Umgebung. Heute sind im Kreisverband noch 600 Mitglieder aus den Landsmannschaften registriert.

„Die Jungen interessieren sich kaum noch für historische und landeskundliche Dinge“, sagt Herbert Gorzel. „Papa, was habe ich noch mit Schlesien zu tun?“, habe ihn sein Sohn gefragt. Bei größeren Veranstaltungen wie dem Tag der Heimat im Oktober habe man das Brauchtum der teilnehmenden Landsmannschaften gepflegt. Die Organisation müssten jetzt andere übernehmen. Größere Gruppen wie die Sudetendeutschen seien dazu auch ohne Dachorganisation in der Lage.

Sinkende Mitgliederzahlen

Kassel ist nicht der einzige Kreisverband, der seine Arbeit einstellt. Auch anderswo bröckeln die Mitgliederzahlen. Im benachbarten Schwalm-Eder-Kreis hat sich der Verband im vergangenen Jahr aufgelöst. „Wir hatten Gespräche über eine mögliche Fusion mit dem Kreisverband Wolfhagen / Zierenberg, aber daraus ist nichts geworden“, sagt Gorzel. Er war viele Jahre in der Baunataler Kommunalpolitik und im Kreistag für die CDU aktiv. „Mit meinen 70 Jahren ist es an der Zeit, Posten abzugeben“, sagt er. Gorzel will mehr Zeit für seine Enkel haben.

Für die langjährige gute Zusammenarbeit mit den Mitgliedern im Verband und den Landsmannschaften bedankt er sich. Gorzel ist übrigens erst 1972 nach Nordhessen gekommen. Er stammt aus der Nähe von Oppeln (Polen, früher Oberschlesien). „Mich haben die Kommunisten vertrieben“, sagt der pensionierte Lehrer. Zusammen mit den beiden Mitarbeitern in der Geschäftsstelle räumt er das Büro im Aschrotthaus an der Obersten Gasse noch aus. Dann gibt es den Kreisverband nicht mehr.

Von Thomas Siemon

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