Kasseler Arzt gibt Antworten

Sind Zahnspangen wirklich unsinnig? Kieferorthopäde zur Kritik des Bundesrechnungshofs

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In ihrer Pauschalität sei die Kritik falsch, sagt der Kasseler Kieferorthopäde Dr. Bernd Zimmer. In Teilen treffe sie aber zu.

Es gibt zu wenige Forschungsergebnisse über Sinn und Unsinn von kieferorthopädischen Behandlungen wie Zahnspangen, kritisiert der Bundesrechnungshof.

Mehr als die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland werden zwei bis vier Jahre lang kieferorthopädisch behandelt: Sie bekommen beispielsweise eine Zahnspange. Eine Milliarde Euro wenden die Krankenkassen jährlich für kieferorthopädische Behandlungen auf. Inwiefern sie überhaupt etwas bringen, sei zu wenig erforscht, kritisiert der Bundesrechnungshof. Es fehle an wissenschaftlichen Forschungen zum Nutzen und zur Wirkung der Behandlungen. In Medienberichten wird nun teilweise von Abzocke gesprochen. Die Bild titelt sogar: „Böse Abzocke mit unnützen Zahnspangen“. Doch wie unnütz sind Zahnspangen wirklich?

Manche Spangentherapien sind im medizinischen Sinne tatsächlich nicht unbedingt nötig, räumt der Kasseler Kieferorthopäde Dr. Bernd Zimmer ein. „Nicht jeder Schiefstand ist gleich eine gesundheitliche Bedrohung“, sagt er. Bei manchen Zahnspangen gehe es auch um optische Gründe und damit um die Verbesserung der Lebensqualität. Er betont allerdings: „In ihrer Pauschalität ist die Kritik natürlich falsch.“

Zugrunde liege das Problem, dass in der Kieferorthopädie vor allem mithilfe von Statistiken geforscht werden müsse. „Eine Behandlung dauert meist Jahre“, erklärt Zimmer. Je nach Diagnose und Therapie könne man nur schwer beweisen, dass dieser Patient wegen der Behandlung glücklicher ist als er es ohne gewesen wäre. In manchen Bereichen liegen belastbare Forschungen vor, in anderen hingegen fehlen sie noch.

Individuelle Gesundheitsleistungen 

Gut erforscht sei beispielsweise die Vorbeugung von Frontzahntraumata: Patienten, deren Vorderzähne hervorstanden und die mithilfe einer Zahnspange behandelt wurden, litten später seltener unter Beschädigungen ihrer Frontzähne. „Das ist tatsächlich gut erforscht“, sagt Zimmer. Anders ist das etwa bei der Vorbeugung von Zahnfleischerkrankungen. „Zum Zusammenhang von Engständen der Zähne und Zahnfleischerkrankrungen fehlt es momentan an Untersuchungen“, erklärt er.

Größtenteils betreffen kieferorthopädische Behandlungen allerdings medizinische Kerngebiete: den Zahnerhalt, die Traumaprophylaxe und die Vermeidung von Zahnersatz, um nur wenige Beispiele zu nennen. „Es gibt aber auch Mischungen, zu denen manche individuellen Gesundheitsleistungen gehören“, so Zimmer. Hierbei gehe es oft darum, dem Patienten mehr Komfort oder eine bessere Optik zu ermöglichen. Von den Krankenkassen wird das meist nicht übernommen, viele Kieferorthopäden bieten die Leistungen dennoch an.

Zusatzleistungen: Was übernimmt die Krankenkasse?

„Hier ist ungewiss, um welche Leistungen es sich im Einzelnen handelt und welche Erfolge damit erzielt werden“, kritisiert der Bundesrechnungshof. Er fordert, dass weitere Forschungen angestellt werden. Die Zahlungen der Krankenkassen sollten sich dann an den Forschungsergebnissen orientieren. Sollte sich beispielsweise herausstellen, dass Selbstzahlerleistungen große Vorteile gegenüber dem haben, was die Krankenkassen derzeit zahlen, wäre laut Rechnungshof zu prüfen, ob Krankenkassen sie nicht doch übernehmen müssten.

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