Mit Verspätung nach Berlin

Bundestagsnachrücker Matthias Nölke will sich um Corona-Folgen kümmern

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Matthias Nölke

So schnell wie vorige Woche kommt Matthias Nölke sonst nicht nach Berlin. Normalerweise legt der Kasseler FDP-Politiker den Weg in die Hauptstadt am liebsten mit dem Auto zurück.

Vorigen Dienstag nahm der 40-Jährige jedoch beim Landeswahlleiter in Wiesbaden sein Bundestagsmandat an. Anschließend musste er zügig nach Berlin, um an seinem neuen Arbeitsplatz im Bundestag Formalitäten zu klären.

Also setzte sich Nölke in einen Flieger, der wegen Corona halb leer war. Auf Facebook postete er Fotos von seinem Flug über den Wolken, von seinem neuen Bundestagsausweis sowie von sich mit Mundschutz an der Spree.

Obwohl Nölke vorige Woche sehr schnell war, ist er doch mit zweieinhalb Jahren Verspätung in Berlin angekommen, wo er in seiner ersten Sitzungswoche morgen vom Bundestagspräsidenten offiziell begrüßt werden soll. Denn eigentlich wollte er schon bei der Bundestagswahl 2017 ein Mandat erringen. Damals scheiterte der Nordhesse knapp. Nun folgt er als Nachrücker auf den Südhessen Stefan Ruppert, der in den Vorstand des Melsunger Pharma-Unternehmens B. Braun gewechselt ist. Und ausgerechnet jetzt ist auch im Parlamentsbetrieb Ausnahmezustand wegen Corona.

Nölke sagt, dass er nie davon geträumt habe, Bundestagsabgeordneter zu werden, aber es habe ihn „am meisten gereizt“. Die Politik vergleicht er mit einem dreigeschossigen Haus: Unten ist die Kommunalpolitik, dann kommt die Landesebene, und ganz oben ist die Bundespolitik. „Ohne die Kommunalpolitik bricht das Haus ein“, sagt Nölke, der als Stadtverordneter in Kassel weiter an der Statik arbeiten, nun aber auch im obersten Geschoss in Berlin Entscheidungen treffen will.

Bislang hat sich der Unternehmer vor allem mit Verkehr und Infrastruktur beschäftigt. In Berlin ist er Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales. „Es ist der größte und einer der wichtigsten Ausschüsse. Dort wird das meiste Geld verteilt“, sagt Nölke, der zudem jeweils Stellvertreter im Innen- und Gesundheitsausschuss ist: „Alle drei sind corona-relevant.“

In seinem neuen Job wird er sich vor allem um die Auswirkungen der Pandemie auf Betriebe kümmern. Beim Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft hat er bereits erste Gespräche geführt: „Mir liegt es am Herzen, wie es besonders den Firmen in Nordhessen geht.“

Der Jurist kann auch aus eigener Erfahrung berichten. Mit seiner Großhandelsfirma Hygienos liefert er Desinfektions- und Reinigungsmittel sowie Toilettenpapier an Gastronomie, Hotels und Pflegeheime. Ein Großteil ist weggebrochen, weil seine Kunden schließen mussten. Darum hat er erst einmal „alles runtergefahren“. Dafür muss er nun im Bundestag expandieren. Zwei Mitarbeiter hat er bereits eingestellt. Zwei weitere sucht er noch. Er arbeitet jetzt noch mehr als früher und sagt: „Man ist nicht mehr Herr seines eigenen Terminkalenders, was private Termine schwieriger macht.“

In Berlin wird er mindestens bis zur Sommerpause im Hotel leben. Zu Fuß ist er in 15 Minuten in seinem Büro, von wo aus er auch eine Nordumfahrung Kassels auf die Tagesordnung bringen will.

Nölke ist ein klassischer Wirtschaftsliberaler. Wie sein Parteichef Christian Lindner appelliert er in der Diskussion um Corona-Lockerungen an die Eigenverantwortung der Menschen: „Man sollte ihnen mehr zutrauen. Wir sind nicht 80 Millionen Kinder.“

Und wie Lindner fährt er gern Auto. Trotzdem wird er nun häufiger mit der Bahn unterwegs sein. Am nächsten Montag wird er nach der Sitzung der Kasseler Stadtverordneten um 22 Uhr in den Zug einsteigen, um schnell, vor allem aber entspannt in Berlin anzukommen.

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