Vor der Bundestagswahl 2017

Die Direktbewerber des Wahlkreises Kassel im Speeddating: Von Integration bis zum KSV

Kassel. Vor der Bundestagswahl am Sonntag war diesmal alles ein wenig anders. Die zwölf Direktbewerber des heimischen Wahlkreises 168 kamen nicht zum Lesertreff, bei dem alle zusammen auf einer Bühne stehen, sondern zum Speeddating.

Video: Mini-Statements der Direktkandidaten

Sie trafen dabei in zwei Runden direkt auf sechs Leser unserer Zeitung, die sie jeweils im Vier-Augen-Gespräch mit Fragen konfrontierten. Jedes Gespräch dauerte dabei vier Minuten, dann ertönte ein Gong – und die Kandidaten zogen weiter zum nächsten Leser, der sie befragte.

Dabei entwickelte sich eine Dynamik – Speeddating eben. Ein Experiment, das Spaß machte und durchaus glückte. Sowohl die meisten Kandidaten als auch die Leser waren danach sehr angetan von dieser Form, auch wenn manche Frage ungestellt blieb, weil der Gong ertönte. Interessant waren auf alle Fälle die unterschiedlichen Herangehensweisen der Leser, aber auch das unterschiedliche Auftreten der Kandidaten.

Stellten sich in der zweiten Runde den Fragen und Antworten der Leser: Helmut Paul (Freie Wähler, hinten von links), Michaela Jacob (MLPD), Torsten Felstehausen (Die Linke), Dr. Norbert Wett (CDU), Boris Mijatovic (vorn von links), Eva-Marie Gent.
Die Kandidaten stellten sich in der ersten Runde den Fragen der Leser: Robin Geddert (von links), Timon Gremmels (SPD), Jan Schuster (Die Partei), Matthias Nölke (FDP), Manfred Mattis (AfD), Susanne Holbein (Bürgerkomitee).

Hier die Kandidaten in alphabetischer Reihenfolge:

Torsten Felstehausen, Die Linke:

Die Themen: Befragt nach den Hauptthemen seiner Partei antwortete Felstehausen: „Ein gerechteres, soziales, friedliches Deutschland, mehr Gerechtigkeit, was Einkommens- und Vermögensverteilung angeht, und einen Stopp der Waffenexporte.“ So will Die Linke Einkommen bis zu 7100 Euro besserstellen und danach mehr Steuern erheben. Steuerflucht könne verhindert werden, wenn Deutschland das Steuermodell der USA übernehmen würde. „Wer deutscher Staatsangehöriger ist, soll auch hier seine Steuern zahlen.“ In der Drogenpolitik stehe seine Partei für eine Legalisierung von Cannabis, in der Bildungspolitik für kostenlose Bildung für alle. Von der Kita bis zur Uni und dem Ausbildungsberuf müsse der Staat für die Ausbildung aufkommen. Das Geld hierfür könne bei der Rüstung eingespart werden.

Das Auftreten: Kompetent, offen und sympathisch. War gut vorbereitet und zeigte eine klare Haltung. 

Der Satz des Tages: „Unser Gegenangebot zu mehr Videoüberwachung ist, mehr Polizei auf die Straßen zu bringen.“ 

Robin Geddert, Piratenpartei

Die Themen: Immer wieder wurde Geddert zur Internetsicherheit und Datenschutz befragt, aber die Teilnehmer wollten von ihm auch wissen, wie seine Partei zum Arbeitslosengeld II steht. Das, sagte Geddert, wolle seine Partei komplett abschaffen – ebenso wie die Mindestlöhne. Stattdessen wollen die Piraten ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, das für jeden Bürger gilt. Auch auf das Thema Bildung wurde Geddert immer wieder angesprochen. Bildung müsse komplett kostenlos sein, dies sei eine Grundforderung der Piraten. „Alles, was aus der öffentlichen Hand finanziert wird, muss auch frei sein für alle.“

Das Auftreten: Sehr sympathisch, lachte viel und ging auf die Teilnehmer ein. Von zwei Teilnehmern nach Flyern seiner Partei gefragt, musste er jeweils passen, weil er sie vergessen hatte. „Das nehme ich als Minuspunkt mit“, sagte er selbstkritisch.

Der Satz des Tages: Die Antwort der Erstwählerin Jule Finis auf diese Selbskritik von Robin Geddert: „Schlecht vorbereitet ist doch auch sympathisch.“ 

Eva-Marie Gent, Einzelbewerberin

Die Themen: Bei der parteilosen Einzelbewerberin Eva-Marie Gent ging es vornehmlich darum, wie sie ihre Chancen bei der Wahl am Sonntag einschätzt, warum sie eigentlich kandidiert und welche ihre Kernthemen sind. Ihr Chancen schätzt Gent als „sehr, sehr gering“ ein. Mit ihrer Kandidatur wolle sie ein Zeichen setzen, dass man auch ohne Partei im Rücken Menschen erreichen könne. Inhaltlich seien ihre Schwerpunkte die spirituelle Umwelt- und Naturphilosophie der Tiefenökologie, Frieden und Gerechtigkeit. Sie stehe für ein Europa der Menschen und Visionen. 

Das Auftreten: Man kann nicht behaupten, dass Gent ihre Werte nicht voller Überzeugung vertritt. Doch auf die Nachfragen der Teilnehmer, wie sie ihre Werte und Vorstellungen – egal ob beim Thema Steuern, Einkommen, Bildung, Inklusion, Zuwanderung oder Ernährung – im Bundestag politisch umsetzen würde, wusste die Einzelbewerberin ausnahmslos keine Antwort. 

Der Satz des Tages: „Klar bin ich eine Träumerin.“

Timon Gremmels, SPD

Die Themen: Der Kandidat der SPD musste sich einem breit gefächerten Katalog an Fragen stellen. Wie sollte ein barrierefreier ÖPNV aussehen? „Ein Rollstuhl muss immer Vorrang vor einem Fahrrad haben.“ Wie beurteilt er Sanktionen für Empfänger von Arbeitslosengeld II? „Am Ende des Tages darf keiner auf der Straße leben.“ Wie sieht er die personellen Missstände in der Pflege? In 100 Tagen, so auch das Wahlversprechen von Martin Schulz, solle der Grundstein für einen nachhaltigen personellen Ausbau im Pflegebereich gelegt werden.

Das Auftreten: Gremmels zeigte sich zu jedem Thema gut informiert. Es gab keine Frage, auf die er keine Antwort wusste. Allerdings wirkte vieles verklausuliert und sehr diplomatisch. Gremmels wagte sich selten aus der Komfortzone des Wahlprogramms. Trotzdem: Obwohl er im roten Kassel um seine Favoritenrolle weiß, zeigte er an jeder Frage und an jedem Gesprächspartner aufrichtiges Interesse.

Der Satz des Tages: „Da geht ein Riss quer durch die SPD.“ – Auf die Frage nach der Positionierung zur Legalisierung von Cannabis. 

Susanne Holbein, Bürgerkomitee

Die Themen: Es ging häufig um das Hauptthema des Bürgerkomitees: die Bürgerbeteiligung. Holbein erklärte das Anliegen: die Bürger besser über Politik informieren und sie dann abstimmen lassen. Also: „Volksentscheid ja, aber mit guter Aufklärung davor.“ Interessant: Es ging zunächst mehr um das Bürgerkomitee als deutschlandweite Bewegung als vielmehr um Themen an sich. Ansonsten: „Lobbyismus einschränken.“ Und: „Mit Institutionen zusammenarbeiten, die Menschen ohne große Lobby repräsentieren.“

Das Auftreten: Holbein wirkte ruhig, sachlich. Bei einer Frage zu ihrer Arbeit als Medienpädagogin blühte sie auf: „Wenn man sieht, wie stolz die Eltern und die Kinder sind, dann erfüllt das einen.“ Neigte zur Floskel. „Energien bündeln“ – die Formulierung fiel öfter. Aber auch ehrlich, wenn sie bei einer Frage zur Eindämmung von zuckerhaltigen Lebensmitteln anmerkte: „Konkrete Ideen habe ich nicht.“

Der Satz des Tages: „Wahrscheinlich werde ich es nicht schaffen.“ Holbein über ihre Chanchen, in den Bundestag zu kommen. 

Michaela Jacob, MLPD

Die Themen: Auf die vielen Plakate der Marxistisch-Leninistischen Partei, die in Kassel hängen, wurde Michaela Jacob mehrfach angesprochen. Das sei nicht nur die MLPD, sie werde als Kandidatin von einem Internationalistischen Bündnis unterstützt, stellte sie klar. Zu Problemen von Rollstuhlfahrern in Bus und Bahn meinte Jacob: „Die Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert.“ Sie warf den VW-Managern „Umweltverbrechen“ vor. Sie rebelliere gegen Kapitalismus und das herrschende System, lehne aber Gewalt ab. „Wenn Revolution passiert, dann war das Verbrechen vorher da.“

Das Auftreten: Jacob begrüßte alle Gesprächspartner per Handschlag. Die Verkäuferin gestand ein, kein Politik-Profi zu sein und auch mal Angst vor Wahlkampfterminen wie diesem zu haben. Trotzdem wolle sie die Politik nicht anderen überlassen. Das kam an.

Der Satz des Tages: Zwischenmenschlich sehr umgänglich, gab sich die Kandidatin in der Sache betont kämpferisch und radikaler als andere linke Gruppen. Jacob: „Wir greifen wirklich den Kapitalismus an.“ 

Manfred Mattis, AfD

Die Themen: Von Gaulands Forderung nach Entsorgung einer Integrationsbeauftragten über von Storchs Schießbefehl bis zu Petrys Meineids-Verdacht: AfD-Kandidat Manfred Mattis hatte beim Speed-dating oft zu Äußerungen prominenter Parteimitglieder Position zu beziehen. Gefragt nach der Integration von Ausländern meinte er, diese fange mit dem Erlernen der deutschen Sprache an. „Wer in ein anderes Land kommt, hat sich den Sitten und Gebräuchen anzupassen.“ Die Scharia dürfe nicht über dem Grundgesetz stehen. Weitere Themen: Bildung und Leistung müsse sich lohnen, der Euro gehöre wieder abgeschafft.

Das Auftreten: Mattis gelang es, mit denen ins Gespräch zu kommen, die mit ihm eigentlich nicht reden wollten. Er räumte auch mal ein, sich bei einem Thema nicht so auszukennen. Zum Beispiel: „Ich bin kein Rentenexperte.“

Der Satz des Tages: Zu Parallelgesellschaften – wie in Kassel zwischen Stern und Jägerstraße – meinte Mattis: „Deshalb sagt die AfD: Der Islam gehört nicht zu Deutschland, der Muslim aber schon.“ 

Boris Mijatovic, Grüne

Die Themen: Auf den Grünen prasselten die Fragen nur so ein: Eine gesetzliche Frauenquote in allen Spitzenpositionen? Mijatovic: „Einfach machen.“ Wie die KVG mit Rollstuhlfahrern umgeht? „Teilweise ist das beschämend.“ Stehen die Grünen noch für Pazifismus? „Unbedingt.“ Drogenpolitik? „Ist gescheitert. Wir dürfen Abhängige nicht kriminalisieren.“ Und wie findet er es, dass, so eine Teilnehmerin, sich Angela Merkel viele Kernthemen der Grünen zu Eigen gemacht habe? „Kein Problem. Gute politische Ideen müssen geklaut werden.“

Auftreten: Gut vorbereitet, schlagfertig, klare Aussagen, ging auf jede Frage ein, kaum Floskeln. Sein Mitbringsel: Eine Papiertüte mit Fahrradflickset, Saatgut, Traubenzucker („Erneuerbare Energie“) und Wahlprogramm.

Der Satz des Tages: Auf die Frage, mit welcher Partei er am liebsten koalieren möchte, sagte Mijatovic: „Mit der Partei, mit der es rechnerisch reicht, wobei es mir am Ende fast egal ist, ob ich den Roten oder den Schwarzen Feuer mache, um unsere Ziele durchzusetzen“. 

Matthias Nölke, FDP

Die Themen: Bei der Integrationspolitik zeigte der Kandidat klare Kante: Die FDP sei für Einbürgerungs- und Sprachtest. Erst nach einer gelungenen Integration sollten Ausländer die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Auch die Bildungspolitik der Liberalen ließ Nölke häufig einfließen: Seine Partei trete für kostenlose Bildung von der Kita bis zum Studium ein. Schulen müssten besser ausgestattet, Bafög müsse elternunabhängig gezahlt werden. Zu Wirtschaftsthemen sagte Nölke, Steuerflucht und Steuerhinterziehung müssten stärker bekämpft werden. Der Staat solle sich um die Kernaufgaben Infrastruktur, Bildung und Sicherheit kümmern, beim Rest solle er sich heraushalten. Die FDP setze überdies nicht auf Verbote, sondern auf den mündigen Bürger. So fordert sie die Legalisierung von Cannabis.

Das Auftreten: Nölke beantwortete die Fragen relativ klar und ohne herumzueiern. Er hielt stets Blickkontakt.

Der Satz des Tages: „Dass wir als Partei der Besserverdiener gelten, ist ein Makel, der uns anklebt.“ 

Helmut Paul, Freie Wähler

Die Themen: Paul hatte einige Versprechen für die ältere Wählerschaft im Gepäck. Die Freien Wähler wollten die Altersarmut bekämpfen und eine Grundrente für alle. Ungefähr 400 Euro solle diese betragen. Alle Berufstätigen, auch die Beamten, sollten in die Rentenkasse einzahlen. Auch beim Thema Bildung legte sich Paul ins Zeug: Von der Kita bis zum Studium solle diese nichts kosten. Zur Frage, wie er Menschen mit kleinen Einkommen unterstützen wolle, sagte der Freie Wähler: „Wer wenig verdient, muss sich weiter qualifizieren. Wer sich eine Qualifizierung nicht leisten kann, muss den schweren Weg gehen und einen zweiten Job annehmen. Es gibt jede Menge 450 Euro-Jobs.“ Für Berufe wie Erzieher, Pfleger und Lehrer fordert er mehr Anerkennung – auch finanziell. Bei der Flüchtlingspolitik vertritt er die Ansicht: Kriegsflüchtlinge aufnehmen, Wirtschaftsflüchtlinge nicht.

Auftreten: Paul wirkte verbindlich. Als politischer Neuling fehlte ihm die Schlagfertigkeit.

Der Satz des Tages: „Unsere Kugelschreiber sind schöner als die der CDU.“

Jan Schuster, Die Partei

Die Themen: Schuster machte seiner Satire-Partei alle Ehre. Auf viele Fragen ging er inhaltlich kaum ein, driftete schnell in die bekannten Wahlkampf-Slogans seiner Partei ab oder gab gleich unumwunden zu, dass er sich mit bestimmten Themen einfach nicht auskennt. Auf die Frage, ob er sich für eine gerechtere Behandlung von behinderten Menschen im ÖPNV einsetzen würde, antwortete er: „Ich kann nicht versprechen, dass ich da etwas bewegen kann, aber ich verspreche, witzig nachzuhaken.“

Das Auftreten: Unkonventionell. Schuster kam mit Regenbogen-Wollmütze, Umhängetasche mit Aufkleber-Sprüchen („Schwarzfahren muss bezahlbar bleiben“) und einer Flasche Billig-Bier – die er am Ende jedoch gerade mal zur Hälfte schaffte. Jedem Teilnehmer schenkte er einen Aufkleber „Wir lieben Dich“.

Der Satz des Tages: „Inhalte? Was denn für Inhalte?“ Jan Schuster auf die Frage von Teilnehmer Timo Eichel, mit welchen Inhalten seine Partei – neben der lustig gemeinten Wahlwerbung – denn punkten wolle. 

Dr. Norbert Wett, CDU

Die Themen: Wett wurde zu fast allem befragt: Legalisierung von Drogen? „Nein.“ Gleichgeschlechtliche Ehe? „Die Kanzlerin hat das Thema abgeräumt.“ Er, der Parteifreund, ist gegen ein Adoptionsrecht in der homosexuellen Ehe. Burka in Deutschland? „Die Burka hat in Deutschland nichts zu suchen – kein Spielraum.“ Finanzkrise des KSV Hessen? „Ich finde es skandalös, dass sich Volkswagen als Sponsor sang- und klanglos zurückgezogen hat. Ich finde, Volkswagen gehört ins Auestadion.“ Liniennetzreform? „Ist danebengegangen.“

Das Auftreten: Wett kam in Anzug und Krawatte, war sehr freundlich – und passte sich dem jeweiligen Gesprächspartner an: Mal erklärte er, mal diskutierte er, mal sagte er: „Erzählen Sie.“ Er hatte mit den schnellen Themenwechseln kein Problem und auf jede Frage eine schnelle Antwort – hier wurde klar, dass er nicht erst seit gestern in der Politik ist. Ging auf jeden Gesprächspartner persönlich ein.

Der Satz des Tages: „Lieber Sport als Drogen“, sagte der begeisterte Rennradfahrer. 

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Rubriklistenbild: © dpa

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