Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder über die Bundestagswahl

Bundestagswahl 2021: „Kassel ist eine sozialdemokratische Stadt“

Wolfgang Schroeder
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Politologe Wolfgang Schroeder.

Über die Bundestagswahl und den erneuten Sieg des heimischen SPD-Kandidaten Timon Gremmels sprachen wir mit dem Kasseler Politik-Professor Wolfgang Schroeder.

Kassel - Die Bundestagswahl 2021 war spannend wie nie - der Kasseler Politik-Professor Wolfgang Schroeder im Interview zu den Bundestagswahl-Ergebnissen in Kassel.

Viel war von einer Richtungswahl im Vorfeld die Rede. Für Rot-Rot-Grün wird es nicht reichen. Ist diese Wahl ein Votum für die bürgerliche Mitte?

Das ist alles noch sehr offen. Kennzeichnend für deutsche Wahlen ist aber traditionell ein Kampf in der Mitte. In anderen europäischen Ländern spielen Rechtspopulisten eine deutlich größere Rolle.

Die CDU hat ihr schlechtestes Ergebnis geholt. Lag das allein am Kandidaten?

Es lag in starkem Maß an ihm, aber es ist auch das Ergebnis von 16 Jahren Angela Merkel. Nach so einer langen Zeit an der Macht wiegt sich eine Partei in Sicherheit und kann im Extremfall auseinanderbrechen. Das konnte man schon nach Adenauer und Kohl erleben. Die Partei ist gespalten. Laschets Zukunft liegt nun in den Händen der Grünen. Seine einzige Machtoption ist es, die Grünen für ein Bündnis zu gewinnen. Gelingt ihm das nicht, ist seine politische Karriere zu Ende. Bei Olaf Scholz sieht das anders aus. Er hat mit einer Großen Koalition unter seiner Führung eine weitere Option jenseits der Ampel.

Welche Themen waren wahlentscheidend?

Im ZDF-Politbarometer gaben 55 Prozent soziale Gerechtigkeit als wichtigstes Thema an. Erst danach folgte der Klimawandel. Der wird als Thema immer überschätzt, weil er das Thema der Politikinteressierten und Gebildeten ist. Für die Mehrheit der Menschen sind jedoch etwa die Rente und der Kampf gegen Kinderarmut wichtiger.

Warum konnte die Linke davon nicht profitieren?

Weil die Linke politisch zerstritten ist, eine schwache Führung hat und keine klare Idee. Dass sie strategisch unfähig ist, hat sie zuletzt mit ihrer Entscheidung gegen die Bundeswehr-Evakuierung von Menschen aus Afghanistan gezeigt.

Bei der Kommunalwahl wurden die Grünen erstmals stärkste Kraft in Kassel. Ist Kassel doch nicht so grün, wie man glaubte?

Kassel ist nach wie vor eine sozialdemokratische Stadt. Es kann auch mal passieren, dass ein Christdemokrat Oberbürgermeister wird oder eine Grüne ein Direktmandat holt. Aber die SPD hat es hier traditionell einfacher. Zudem gab es mit Timon Gremmels einen außerordentlich engagierten Kandidaten, der bei Veranstaltungen und Festen omnipräsent ist. Er ist gut integriert in die Kultur der Stadt und schon lange am Ball. Aber ohne den Rückenwind von Scholz auf Bundesebene hätte auch er es schwerer gehabt.

Klimaschützer warfen Gremmels vor, mit der Gas-Lobby zu kooperieren. Wieso hat ihm das nicht geschadet?

Es ist klar, dass man als Kasseler Bundestagsabgeordneter die ökonomischen Interessen der strukturrelevanten Unternehmen berücksichtigen muss. Von einem Sozialdemokraten erwartet man, dass er sich um den Standort von Unternehmen wie Wintershall kümmert.

Mit Gremmels, Boris Mijatovic und Awet Tesfaiesus ziehen wohl drei Politiker aus Kassel in den Bundestag ein. Ist die Stadt ein Gewinner der Wahl?

Das kann man so sagen. Es ist vorteilhaft, in der Bundespolitik breiter aufgestellt zu sein. Weil sie mehreren Parteien angehören, können die Abgeordneten auf unterschiedliche Fonds zurückgreifen. Für Kassel könnte das sehr positiv sein. (Matthias Lohr)

Die SPD Kassel sprach am Wahlabend von einem „sensationellen Ergebnis“.

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