Psychotherapeut Hanns-Georg Poppe hat viele Pädagogen mit Burn-out als Patienten

Immer mehr Burnout bei Pädagogen - Psychotherapeut: Lehrer werden allein gelassen

Vom Pisa-Schock hat sich Deutschland langsam erholt. Nach wie vor existieren Defizite in den Hauptfächern. Aktuell wird über einen Mangel an Disziplin diskutiert. Foto: dpa

Kassel. Nur sieben Prozent aller Lehrer bleiben bundesweit bis zum 65. Lebensjahr im Schuldienst tätig. Die meisten Lehrer steigen - oft gesundheitlich bedingt - viel früher aus.

„In den Schulen sind dringend neue pädagogische und gruppendynamische Konzepte notwendig“, sagt der Kasseler Psychologe und Psychotherapeut Dr. Hanns-Georg Poppe. Das Verhältnis Schüler-Lehrer sei sehr schwierig geworden. Viele seiner Patienten sind Lehrer mit Erschöpfungszuständen, Burnout oder anderen arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen.

Hanns-Georg Poppe

Poppe setzt zunächst im Elternhaus an: Mütter und Väter seien zunehmend verunsichert und wüssten nicht, welche Orientierung sie ihren Kindern geben könnten. „Kinder werden deshalb viel dem Fernseher, Internet, SMS und Facebook überlassen“, stellt der Psychologe fest. In ihren Wünschen und Fantasien blieben sie alleingelassen, erführen weder Grenzen noch innere Strukturen. Die Folgen sind laut Poppe auffälliges Verhalten, mangelnde Bereitschaft, Aufgaben zu übernehmen oder fürsorglich sein, „bis hin zu Extremen wie Koma trinken, Gewalt und ein Leben nach dem Lustprinzip.“

Diese Entwicklung setze sich in der Schullaufbahn fort: „Lehrer werden konfrontiert mit Schülern, die sich an keine Regeln halten, zu spät oder gar nicht kommen, sich während des Unterrichts unterhalten, essen, ihr Handy benutzen oder zu Arbeiten nicht erscheinen“, sagt Poppe. Anschließend protestierten sie gegen schlechte Noten.

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„Hier fühlen sich Lehrer alleingelassen“. Sie bekämen von Kollegen, Direktorium, Schulamt oft keinen Rückhalt und resignierten mit ihren pädagogischen Vorstellungen. Lehrer ließen die Schüler mehr oder weniger gewähren, vermieden schlechte Zensuren, um keinen Ärger zu bekommen, beobachtet Poppe. Dies betreffe vorwiegend Hauptschulen und Fachoberschulen, „in die unter anderem Jugendliche aufgenommen werden, weil sie wegen mangelnder Fähigkeiten im Schreiben, Rechnen und ihrem Verhalten in keine Berufs- oder Lehrstelle aufgenommen werden.“ Eine neue pädagogische Anforderung seien, so Poppe, die vielen Schüler mit ausländischen Wurzeln. Sie zeigten häufig zusätzlich Verhaltensauffälligkeiten durch den erlebten Kulturwechsel und den Verlust ihrer ursprünglichen Gemeinschaft.

Pädagogen in diesen Konflikten zwischen Schülern, Eltern, Schulleitung und Schulamt, erleben sich isoliert, haben oft resigniert, berichtet Poppe: „Sie klagen, von niemanden geschützt oder unterstützt zu werden.“

Poppes Vorschläge

• Kleinere Klassengrößen mit nicht mehr als 20 - 25 Schülern - in großen Gruppen ist es schwer, eigene Vorstellungen zu klären und ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.

• Die Lehrer einer Klasse sollten sich regelmäßig zusammensetzen, um sich zu informieren, Probleme zu klären, Konzepte zu entwickeln.

• Supervisionen anbieten: Gruppen, die von speziell ausgebildeten Lehrern geleitet werden.

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