"Während die Menschen um mich herum Kinder bekamen, bekam ich Krebs"

Nach dem Krebstod: Das traurige Tagebuch des Kasseler Modestars Carl Jakob Haupt (†34)

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"Unfassbar traurig, tragisch, berührend": So urteilen Leser über das Tagebuch von Carl Jakob Haupt. Hier die Online-Version des Abdrucks in der "Literarischen Welt".

Am 19. April starb der Kasseler Blogger und Künstler Carl Jakob Haupt mit 34 Jahren an Krebs. Sein nun erschienenes Tagebuch ist todtraurig und doch eine Ode an das Leben.

Zehn Monate vor seinem Tod dachte Carl Jakob Haupt, der Krebs, an dem er gerade starb, sei nur die Erfindung einer TV-Sendung. Der aus Kassel stammende Künstler und Mode-Blogger hatte in Berlin gerade wieder eine Chemotherapie bekommen, lag nachts wach und dachte, er sei Teil eines Reality-Formats - ähnlich wie Jim Carrey als Truman Burbank in der "Truman Show". Regisseure hätten ihm womöglich eingeredet, er sei krank, damit das TV-Publikum ihm beim Kampf gegen den Magenkrebs und beim Sterben zusehen könne.

Doch Haupt war kein Held einer TV-Show, auch wenn sich sein Leben manchmal so angefühlt haben muss. Und es gab auch kein Happy End. Der Betreiber des Modeblogs "Dandy Diary" starb am 19. April mit nur 34 Jahren in einem buddhistischen Hospiz im brandenburgischen Bad Saarow. Schon damals war die Trauer groß. Der in Schöneberg bei Hofgeismar und in Kassel aufgewachsene Nordhesse galt nicht nur als Party-König von Berlin, bei dem die Prominenten, Schönen und Coolen feierten, sondern auch als außergewöhnlicher Autor, der nicht nur über Mode schrieb, sondern auch über das Leben an sich. Das kann man auch in seinem Tagebuch nachlesen, das zunächst als Buch erscheinen sollte, nun aber auszugsweise auf acht Seiten in der "Literarischen Welt" der Tageszeitung "Die Welt" abgedruckt wurde. Ähnlich wie Bestsellerautor Wolfgang Herrndorf ("Tschick"), der an einem Hirntumor litt, ehe er sich 2013 das Leben nahm, schreibt Haupt in "Im Schnitt sieben Jahre" entwaffnend offen und lakonisch über seine Krankheit und das Sterben.

Wie gut der Text ist, zeigt sich auch daran, dass die "Welt" vielerorts schnell ausverkauft war (sie kann aber hier nachbestellt werden). Er beginnt mit dem 7. Juni 2016, als Haupt von seinem Arzt die Diagnose erfährt. "Während die Menschen um mich herum Kinder bekamen, bekam ich Krebs", notiert er. Sein Kumpel Paul ruft sogleich Bekannte an, um jemanden zu finden, der "den Krebs sofort wegmachen kann". Haupt wird der Magen entfernt und die "Speiseröhre direkt an meinen Darm angenäht". 

Nach mehreren Operationen und Chemotherapie ist er von Januar 2017 bis Mai 2018 tatsächlich gesund - zumindest so gesund, wie sich ein Krebspatient fühlen kann. Doch dann werden Metastasen in seiner Wirbelsäule gefunden, und es ist klar, dass niemand mehr den Krebs wegmachen kann. Haupt stellt fest: "Es würde sich nun alles ändern, das wäre das neue Normal."

Alles geändert hatte sich schon einige Wochen vor der ersten Diagnose. Da hatte er das Model Giannina Müller kennengelernt. Beide hatten sich sofort ineinander verliebt. Als klar war, dass er schwer krank war, fragte er, ob sie wirklich bei ihm bleiben wolle, "jeder würde verstehen, dass das ein bisschen viel wäre". Sie blieb.

Im September 2018, als Haupt von den neuerlichen Chemotherapien bereits schwer gezeichnet war, heiratete das Paar mit mehr als 100 Gästen auf einem Weingut auf Sizilien. In seiner Hochzeitsrede blickt Haupt auf die letzten 27 Monate zurück: "Und obwohl es die schlimmste Zeit meines Lebens hätte werden können und sicherlich in mancherlei Hinsicht auch war, wurde es doch vor allem die schönste."

So intensiv sein Liebesbekenntnis war, so intensiv muss der Kasseler auch gelebt haben - und das nicht erst in Hamburg, wo er studierte, und Berlin, wo er zum König der Party-Nächte aufstieg. Seiner Heimatstadt in Nordhessen widmet er einen langen Abschnitt. Haupt erzählt, wie er sich mit 17 Jahren vor seiner Freundin versteckte, mit der er gerade Schluss gemacht hatte. Aus seiner Wohnung im Vorderen Westen war er heimlich ausgezogen, er ging nicht ans Telefon, wenn sie anrief. Als er sie eines Tages von weitem auf der Straße sah, versteckte er sich im Kofferraum, aber die Klappe ging nicht zu. Seine Ex entdeckte ihn, während er dort kauerte, und hielt ihm eine Standpauke.

Weil Haupt und seine WG-Freunde kein Geld hatten, schlichen sie sich durch Hintereingänge in die coolen Clubs der Stadt. Und um die hübschen Öko-Studentinnen zu beeindrucken, kauften sie im Supermarkt gesunden Lauch, den sie aus der Einkaufstasche lugen ließen. Daheim schmissen sie das gesunde Gemüse weg und machten sich nur Nudeln.

Auch als er in Berlin wieder eine Chemo über sich ergehen lassen muss, mit der er immer "ein Stück toter" wird, denkt er an früher zurück. Zum Beispiel an den Kasseler Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder, bei dem Haupt studierte und der ihm einst vorwarf, "ein vollkommener Idiot" zu sein, weil er es nicht geschafft hatte, bei Sponsoren 1000 Euro für die Podiumsdiskussion "Politik in der alternden Gesellschaft" zusammenzubekommen. 

Für eine seiner letzten großen Partys, die Haupt mit seinem ebenfalls aus Nordhessen stammenden Kumpel David Roth veranstaltete, buchte er den Italo-Dance-DJ Gigi D'Agostino, und zwar für 20.000 Euro die halbe Stunde. Carl Jakob Haupt hat das Leben ziemlich einzigartig gelebt. Trotzdem glaubte er am Ende, dass sein ehemaliger Professor recht hatte mit dem Vorwurf, ein vollkommener Idiot zu sein. Erst in dieser "saublöden Situation", wie er die schwerste Phase seiner Krankheit nennt, stellte er fest, dass es ein Fehler war, mein Leben nicht radikaler gelebt zu haben".

Wer sein Tagebuch liest, dem wird mehrmals der Atem stocken - etwa, wenn er überlegt, wer ihm vielleicht beim Suizid helfen könnte, falls es gar nichts mehr geben sollte, das ihm am Leben hält. Der Text endet mit einigen Sätzen, die sein Trauzeuge Tim auf der Trauerfeier für ihn vortrug, weil er selbst das ja nicht mehr konnte. Seine große Liebe Gia sei das Erste gewesen, an dass er nach dem Aufwachen gedacht habe, und das Letzte vor dem Einschlafen: "Und so wird es auch jetzt gewesen sein, wenn ich zum letzten Mal eingeschlafen bin." Das Tagebuch von Jakob David Haupt ist eine große Ode an das Leben.

Carl Jakob Haupts Frau Giannina baut gerade eine Organisation auf, die Paaren in ähnlichen Situationen helfen soll. Spenden dafür kann man auf das Konto DE 374 786 012 505 012 334 00. Verwendungszweck: "Treuhandkonto Carl Jakob Haupt".

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