Die Inhaberin ist nur zwei Jahre jünger

Traditionsfirma Vockeroth besteht seit 80 Jahren

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Aufbaujahre: Der Firmensitz an der Gräfestraße um 1955. Das kleine Gebäude rechts neben dem heutigen, viel größeren Ladengeschäft besteht noch immer.

Kassel. Wenn der Laden um 9 Uhr aufmacht, sitzt die Chefin schon seit zwei Stunden im Büro: Anneliese Briebach ist jeden Morgen die Erste im Hausgerätegeschäft Vockeroth an der Gräfestraße in Wehlheiden.

Sie bereitet Lieferaufträge vor, führt Kassen- und Rechnungsbücher – und das in einem Alter, in dem andere längst ihren Ruhestand genießen: Mit 78 Jahren ist die elegant gekleidete Inhaberin nur zwei Jahre jünger als die Kasseler Traditionsfirma, die jetzt ihr 80-jähriges Bestehen feiert.

Spätestens um halb fünf klingelt der Wecker, bevor Anneliese Briebachs Arbeitstag beginnt. „Ich muss schließlich wissen, was los ist“, sagt die Geschäftsfrau, die vor 60 Jahren als Kaufmannslehrling in den elterlichen Betrieb eingetreten ist. Damals war Vockeroth noch eine Fahrrad- und Motorradhandlung, in der frühen Wirtschaftswunderzeit war der Drahtesel das Massentransportmittel der Kasseler.

Weil sich die Frauen wieder chic kleiden wollten, kamen auch Nähmaschinen ins Sortiment. Die junge Anneliese musste Hausbesuche bei Kundinnen machen und die Geräte dort vorführen – „obwohl ich zum Nähen gar kein Talent hatte“, erinnert sich Anneliese Briebach lachend.

Vom Zweirad zu Hausgeräten

Im Lauf der Zeit verschwanden Zweiräder und Nähmaschinen aus dem Angebot; stattdessen kamen Waschmaschinen, Herde, Kühlschränke und sonstige Hausgeräte, die noch heute das Sortiment bei Vockeroth bestimmen. Als Firmengründer Karl Vockeroth 1983 starb, übernahm seine Tochter Anneliese die Alleinverantwortung für das Geschäft. Dies meisterte sie, obwohl sie damals jahrelang nur die halbe Woche über in Kassel war: Ihr Mann Ferdinand Briebach war früher als Bankvorstand in Hannover tätig, bis 2000 pendelte das Paar zwischen Nordhessen und der niedersächsischen Landeshauptstadt. „Ich bewundere meine Frau“, sagt Ferdinand Briebach. Er leistet Unterstützung und Beratung, ist aber selbst nur sporadisch im Geschäft: „Mir ist das zu turbulent. Sie aber braucht das.“

Zumindest von frühmorgens bis zur Mittagszeit. Danach überlässt die 78-Jährige das Tagesgeschäft ihren acht Mitarbeitern, von denen einige schon seit Jahrzehnten bei Vockeroth arbeiten. Kinder, die das Geschäft weiterführen könnten, haben Anneliese und Ferdinand Briebach nicht.

Um die Zukunft des Kasseler Traditionsunternehmens ist ihnen dennoch nicht bange. „Das ist eine absolut lebensfähige Firma“, sagt Ferdinand Briebach und lässt durchblicken, dass bei aller Konkurrenz auf dem hart umkämpften Hausgerätemarkt die Ertragslage stimmt. Vom Geschäftsertrag leben müssten die Inhaber allerdings nicht.

Das macht unabhängig. Und so ist der Arbeitsalltag im hohen Alter eher Lebensaufgabe und -elixier für Anneliese Briebach. Obwohl sie alle Optionen hätte, entfernt sie sich ungern länger als ein paar Tage von Schreibtisch und Telefon. „Das ist auch Gewohnheit“, sagt die Geschäftsfrau. „Wäre ich eine Woche nur zu Hause, mir würde langweilig werden.“

Von Axel Schwarz

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